Professionalisierung der Aufseher
Aufsichtsrat Ahnungslos

Nachdem die Corporate-Governance-Kommission es über Jahre nicht geschafft hat, verbindliche Qualifikationen für Aufsichtsräte festzulegen, an die sich die Betroffenen auch halten, versucht sich nun die Politik an dem Thema. Laut dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz sollen die Aufseher künftig professioneller werden und sich in jedem Aufsichtrat mindestens ein Finanzexperte sitzen.

DÜSSELDORF. Es gibt Momente, da kann sich Ulrich Lehner nur an den Kopf fassen. Der ehemalige Henkel-Vorstandschef ist einer der meistbeschäftigten deutschen Aufsichtsräte, sitzt unter anderem in den Kontrollgremien von Telekom, Eon und Porsche. Und wer sich da mit ihm an den Gremientischen tummelt, da staunt Lehner: "Es gibt, gerade wenn die Arbeitnehmerseite neue Aufsichtsräte beruft, Vertreter, die ohne Kenntnisse der Materie antreten." Wie die einen bestens ausgestatteten Vorstand kontrollieren sollen, ist nicht nur ihm ein Rätsel.

Nachdem die Corporate-Governance-Kommission es über Jahre nicht geschafft hat, verbindliche Qualifikationen für Aufsichtsräte festzulegen, an die sich die Betroffenen auch halten, versucht sich nun die Politik an dem Thema. Mit einer Mischung aus Verhaltensanreizen und Gesetzen fasst sie die Bestimmungen enger. Daraus könnte endgültig ein professionelles Berufsbild "Aufsichtsrat" entstehen. Die Tage des Kontrolleurs als schmückendes Ehrenamt mit Kaviar- und Spesengarantie sind gezählt.

Michael Hendricks, Inhaber einer auf Managerhaftung spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei stellt fest: "Die meisten Haftungsfälle sind neben mangelnder Zeit und mangelndem Interesse darauf zurückzuführen, dass die Aufsichtsräte überfordert sind."

Vor allem das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG), das die Große Koalition verabschiedet hat, soll das ändern. Damit schreibt die Politik Anteilseignern und Arbeitnehmern vor, mindestens einen sogenannten "Financial Expert" in jeden Aufsichtsrat zu wählen. Der oder die muss herausgehobene Kenntnisse im Bereich der Bilanzierung und Rechnungslegung haben.

"Bisher werfen vor allem Finanzanlageentscheidungen Probleme auf", beobachtet Hendricks. "Da vertrauen sich Aufsichtsräte mangels Kompetenz gegenseitig, und eine wirkliche Prüfung findet nicht statt."

Reichten bisher die Kriterien Volljährigkeit und Mündigkeit, um sich in einen Aufsichtsrat einer deutschen Gesellschaft wählen zu lassen, fordert das Gesetz künftig "Unabhängigkeit" und "Sachverstand". "Das wird zu einer generellen Anhebung des Niveaus führen", sagt Manuel Theisen, Professor an der Universität München und Instanz auf dem Gebiet der Corporate Governance. Und zwar nicht nur auf Arbeitnehmerseite, wie Aktionärsvertreter gerne streuen. "Aufsichtsrat Ahnungslos" vertritt oft auch die Anteilseigner.

Wie etwa jener Herr, der seinen Kopf gerade aus der Schlinge zu ziehen versucht, nachdem ein von ihm kontrolliertes Unternehmen Insolvenz angemeldet hat. Mit 18 Mio. Euro soll der Mann haften, genau wie seine Aufsichtsratskollegen. "Ich habe", lässt er einen Anwalt seiner Versicherung schreiben, "das Geschäftsmodell gar nicht verstanden." Dabei schützt Unwissenheit auch Aufsichtsräte nicht vor Haftung. Nach Ansicht von Experten gibt es Fälle wie den geschilderten zu oft. "Alle bisherigen Regelungen sind rückwärts gewandt und zielen darauf, die Kontrollmöglichkeiten der Aufsichtsräte zu verbessern", sagt Theisen, Herausgeber der Fachzeitschrift "Der Aufsichtsrat". "Zum aktiven Mitgestalten reicht das nicht." Deswegen müssten künftig auch Kenner in Sachen Personalführung, Marketing, Vertrieb und Produktion dort vertreten sein. Kurz: Echte Unternehmertypen sollen her.

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