Profil: Chef der Ford-Werke AG
Einer, der „gut ankommen“ will

Die Luft ist zum Schneiden. Tausende Leute in Sommerhemden mit und ohne Schlips, mit Anzügen und in Blaumännern schwitzen auf Biergartenbänken. Sie drängeln sich gemeinsam mit Dutzenden Journalisten und Kameraleuten in einer Produktionshalle von Ford in Köln-Niehl: Großer Bahnhof für Gerhard Schröder, der für eine Stunde den Autokonzern in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt – und mit ihm Bernhard Mattes.

KÖLN. Der Chef der Ford-Werke AG sitzt in der ersten Reihe und genießt den hohen Besuch. Er lächelt und nickt artig, wenn der Bundeskanzler die „technologische Leistung“ von Ford und die „Anstrengungen bei den Ausbildungsplätzen“ lobt. Mattes wirkt etwas wie ein Musterschüler, der von seinem Lehrer für seine gute Leistung gelobt wird – auch später, als er mit Schröder durch die Produktionshalle des Ford Fiesta zieht. Hier der Kanzler, inzwischen ohne Jackett, im schweißnassen Hemd. Daneben Mattes, nach wie vor korrekt gekleidet. Er öffnet Schröder die Tür zum Knutschkugel-Cabrio Ford Street-Ka und stellt sich für die Fotografen dezent daneben.

Das Timing für den Kanzlerbesuch hat Mattes gut gewählt. Montag gelöste Jubelstimmung mit dem Kanzler, erst danach die unangenehmen Fakten: Gestern verkündete der Ford-Chef die Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr. Die Deutschland-Tochter schrieb wieder einmal Verluste. Das kommt alles andere als gut an. Denn angekündigt waren Gewinne. Und wie schon im Vorjahr wurde das Ziel verfehlt.

Mattes musste die schlechte Nachricht dem Aufsichtsrat verkünden, und er muss sie als Chef auch verantworten. Als der Marketing- und Vertriebsexperte im September die oberste Stufe der Leiter bei der Ford-Werke AG erklomm, war das Jahr 2002 zwar schon zu drei Viertel vorbei. Doch herausreden kann sich der Verkaufsexperte nicht. Als zuvor stellvertretender Vorsitzender und Vertriebsvorstand wusste auch er schon im September, dass bei Ford die Welt alles andere als in Ordnung war.

Dass Mattes’ Vorgänger Rolf Zimmermann öffentlich den Eindruck erweckte, ein gut bestelltes Haus zu übergeben, hielt er für legitim. Es zeichnet den Verkäufer aus, dass Mattes das Bild nicht sofort nach dem Wechsel korrigierte. Denn der Mittvierziger weiß, dass Verkaufen auch immer etwas mit Stimmungen zu tun hat. Und Ford stand im Herbst 2002 nach außen gut da: Nach dem Focus und dem Mondeo verfügte das Unternehmen endlich auch über den neuen Kleinwagen Fiesta und dessen hochbeinige Schwester Fusion, die Kostenstruktur hatte sich verbessert, die Marktanteile stiegen, das Unternehmen streifte langsam das Image ab, schlechte Qualität zu liefern.

Diese Aufbruchstimmung wollte Mattes nicht stören. „Es gibt keinen Grund, etwas an unserer Strategie zu ändern“, ließ er verkünden. An ihr wird er weiter feilen. Denn niemand zweifelt daran, dass die eigentlichen Herren im Hause Ford, die in der Konzernzentrale in Dearborn und in der Europazentrale in Köln – einen Steinwurf vom Büro des Deutschlandchefs entfernt – residieren, ihm die Gelegenheit dazu geben werden. Mattes kommt trotz der Verluste gut an, als hätte er sich den Werbeslogan des Unternehmens „Gut ankommen“ als Leitmotiv gesetzt. Innerhalb der Möglichkeiten, die er hat, hat sich der Vorstandschef beachtlich geschlagen. Während Teile der Konkurrenz in heftigem Clinch mit den Händlern wegen neuer Verträge liegen, hat Mattes dieses Kapitel bei Ford stillschweigend über die Bühne gebracht. „Mattes ist ein Mann, der die Karten offen auf den Tisch legt“, lobten ihn dafür Händler.

Diese Geradlinigkeit, vor allem sein „motivierender Optimismus“, den ihm Mitarbeiter bescheinigen, kann Ford weiter gut gebrauchen. Der Markt in Europa ist nicht einfacher geworden. Zudem verhindern die Konzernstrukturen die Möglichkeit, die Schwäche auf diesem Markt durch Exporterfolge auszugleichen.

Strategisch sind Mattes in vielen Bereichen die Hände gebunden, sein Einfluss beschränkt sich auf den Vertrieb und das Marketing in Deutschland. Kein idealer Zustand für einen Macher, sagen Branchenkenner. Nicht zuletzt daher fielen Gerüchte, Mattes sei als Vorstand des VW-Konzerns im Gespräch, sofort auf fruchtbaren Boden. Umso mehr, als sich Mattes und VW-Chef Bernd Pischetsrieder noch aus gemeinsamen Tagen bei BMW kennen, in dessen Diensten Mattes 17 Jahre lang stand. Dann wäre der ehemalige Wahl-Bayer und Wahl-Rheinländer mit dem fast lausbübisch anmutenden Gesicht angekommen, wo er geboren ist: in Wolfsburg.

Dort kennt sich auch Gerhard Schröder bestens aus. Die Verbundenheit mit Volkswagen brachte ihm schließlich die Bezeichnung „Autokanzler“ ein. An diesem Image arbeitet er. „Also, dann bis in drei Jahren“, versprach Gerhard Schröder mit dem typischen verschmitzten Kanzlerlächeln den Arbeitern bei Ford. Ob es dann ein Wiedersehen mit Bernhard Mattes geben wird, ist allerdings offen. Niemand weiß, ob Schröder dann noch Bundeskanzler dieser Republik und Mattes noch Chef von Ford Deutschland sein wird.

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