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Das Hirn der Sippe

Gilberto Benetton ist der Finanzstratege der italienischen Industriellendynastie. Schon früh beendete er die Abhängigkeit vom Textilgeschäft. Jetzt sorgt er mit der Fusion der Autobahnbetreiber Autostrade und Abertis für Aufsehen.

MAILAND. Keine Skandale um provozierende Werbung mit Aidskranken, keine Interviews, keine großen öffentlichen Auftritte. Es war schon auffällig ruhig geworden um die Familie Benetton in den vergangenen Jahren. Doch jetzt stehen sie wieder im Rampenlicht. Sie haben angekündigt, dass sie ihre italienische Autobahngesellschaft Autostrade mit dem spanischen Konkurrenten Abertis fusionieren wollen. So schmieden sie den größten Mautstreckenbetreiber der Welt.

Vor allem Gilberto Benetton, das Finanz-Hirn der italienischen Industriellenfamilie, rückt jetzt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Der 64-Jährige ist Präsident der Edizione Holding, die der Familie gehört. Sie hält die Mehrheit an der Holding Schema28, die bisher Autostrade kontrolliert.

Gilberto ist eine Art Portfolio-Manager der Sippe. Im Gegensatz zu seinem sechs Jahre älteren Bruder Luciano Benetton, der mit seinem weißen Lockenschopf den Kreativen der Familie gibt, ist „Signor Gilberto“, der Mann mit den kurzen, sauber geschnittenen Haaren, schon lange für die Finanzen zuständig.

Auch ohne Hochschulabschluss hatte er früh den richtigen Instinkt, wo es sich zu investieren lohnt. Nicht zuletzt ihm haben es seine Geschwister Luciano, Giuliana und Carlo zu verdanken, dass die Familie heute für viel mehr steht als nur für bunte Pul-lover. Gilberto erkannte, dass es gefährlich ist, nur auf das schwankende Modegeschäft zu setzen, das heute nur noch rund ein Drittel des Umsatzes ausmacht.

Unter seiner Führung greift die Edizione Holding bei den Privatisierungen der 90er-Jahre zu. Dabei stechen die Benettons, die aus einfachen Verhältnissen im damals armen Nordosten des Landes kommen, auch Vertreter des alteingesessenen Kapitals aus. Denn schon damals haben sie viel Geld verdient. So kaufen sie die Supermarktkette GS, die sie später mit einem Gewinn von einer Milliarde Euro an die französische Carrefour-Gruppe verscherbeln. Auch bei der Raststättenkette Autogrill und der Autobahngesellschaft Autostrade kommt der Unternehmerclan aus Ponzano Veneto in den späten 90er-Jahren zum Zuge – und kassiert dafür später satte Gewinne.

Aber in der Telekommunikation zeigt Finanzstratege Gilberto Benetton keine so glückliche Hand. Beim Mobilfunkbetreiber Blu verliert die Familie insgesamt 150 Millionen Euro. Auch ihre indirekte Beteiligung an Telecom Italia ist inzwischen weniger wert.

Dennoch genießt der Finanzminister der Familie auch in der italienischen Wirtschaftswelt hohes Ansehen. Er sitzt heute im Verwaltungsrat der einflussreichen italienischen Investmentbank Mediobanca und in den Kontrollgremien anderer großer Konzerne.

„Als Unternehmer zählt für mich der Gewinn, nicht das Prestige“, hat Gilberto Benetton einmal gesagt.

Der heutige prunkvolle Firmensitz scheint zu seiner Philosophie nicht zu passen. Er residiert in der von Weinreben und Zypressen umgebenen Villa Minelli – eine halbe Autostunde von Venedig entfernt. Hier steuert Gilberto Benetton, selbst von kräftiger Statur, in seinem Büro, dessen erdfarbene Barockfresken muskelbepackte, bärtige Männer zeigen, die Finanzen der Gruppe. Das Anwesen haben die Geschwister 1978 gekauft. Damals lief das Geschäft schon gut.

Dabei haben die Geschwister von ganz unten angefangen. Ihr Vater versucht sich in Äthiopien als LKW-Unternehmer. Er kommt jedoch mit Malaria zurück und stirbt jung, als Gilberto noch ein Kind ist.

Gemeinsam verkaufen die Geschwister die von Giuliana gestrickten Pullover und kommen später auf die revolutionäre Idee, weiße Pullis zu stricken, die erst später gefärbt werden. Schon damals entscheiden die vier, dass Gilberto am besten mit Zahlen umgehen kann und der Kassenwart sein soll.

Bis heute agiert Gilberto stets im Hintergrund – eine graue Eminenz mit mittlerweile weißen Haaren. Ein ehemaliger Mitarbeiter beschreibt ihn als reservierten Zahlenmenschen, einen, der gesellschaftliche Anlässe und erst recht Fotoshootings und Talkshows meidet und der sich in seinem lokalen Dialekt wohler fühlt als im Hoch-Italienisch. Ein Branchenbeobachter beschreibt ihn als „schlauen, vorsichtigen Bauern, der gut rechnen kann“.

Bei seinem jüngsten Plan hat Gilberto Benetton nach Medienberichten sogar den Vorstandsvorsitzenden von Autostrade, Vito Gamberale, lange Zeit im Dunkeln gelassen. Der sei gegen eine Fusion mit dem spanischen Konkurrenten gewesen, weil er den Schwerpunkt des Geschäfts in Italien halten wollte. Benetton sah dagegen große Wachstumschancen vor allem im Ausland. Und dafür brauchte er einen starken Partner, den er jetzt in Abertis gefunden hat. Bei Autostrade will man jedoch von dieser Meinungsverschiedenheit nichts wissen.

Tatsache ist aber, dass Gilberto Benetton bereits bei Abertis im Verwaltungsrat saß und Abertis schon an Autostrade beteiligt war. So gab es schon lange Kontakte zwischen beiden Unternehmen. Auch über eine mögliche Fusion haben die beiden Seiten bereits seit Jahren nachgedacht. Aber erst jetzt, an den vergangenen Ostertagen, trafen sich die Aktionäre und Unternehmenschefs in Venedig und machten alles fest.

In Italien stößt das Abkommen nicht überall auf Gegenliebe. Denn es wird zwar offiziell als Fusion unter Gleichen bezeichnet. Aber tatsächlich werden der Unternehmenssitz und die operative Führung nach Spanien verlagert. Vor allem aus dem Mitte-links-Lager, das erst vor kurzem die Wahlen gewonnen hat, werden Zweifel laut. Die Politiker fürchten, ein wichtiges italienisches Unternehmen zu verlieren. „Man kann nicht abwechselnd Europäer und dann wieder Nationalist sein“, soll Gilberto Benetton die Stimmen aus Rom kommentiert haben.

Für die Familie ist die Fusion mit den Spaniern vor allem ein Befreiungsschlag. Denn ähnlich wie im flauen Textilgeschäft, wo die Konkurrenten Zara und H&M ihr die Kunden abjagen, könnte sie auch bei den Autobahnen bald an ihre Grenzen stoßen. Darauf deuten zumindest die jüngsten erfolglosen Bewerbungen bei internationalen Ausschreibungen hin. Gemeinsam mit Abertis hätte Autostrade mehr Schlagkraft – und käme bei den weltweit anstehenden Privatisierungen vielleicht eher zum Zuge.

Und Gilberto hat dafür gesorgt, dass sich das Geschäft auch finanziell lohnt. Im Zuge der Fusion zahlt Autostrade seinen Aktionären eine Sonderdividende von 3,75 Euro – die Benettons dürfen sich also über insgesamt 650 Millionen Euro freuen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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