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Der Abarbeiter

Peter Löscher ist in seinen ersten 100 Tagen durchs Siemens-Reich gereist und hat vor allem eines getan: zugehört. Aber ist der 50-Jährige auch hart genug, um die geplanten großen Veränderungen konsequent durchzuziehen?

MÜNCHEN. Der große, vornehme Mann steht stramm da wie am ersten Tag. Die Arme senkrecht gen Boden, das Gesicht scheinbar ruhig und freundlich, die Stimme sanft, mit K.u.k.- Schmelz samt kehligem Kärntner „K“. Die ersten 100 Tage Siemens, sie haben Peter Löscher rein äußerlich nichts anhaben können, obwohl er eine Tour hinter sich hat, die selbst seinem Rund-um-die-Uhr-im-Einsatz-Vorgänger Klaus Kleinfeld höchsten Respekt abfordern müsste.

Am Donnerstagabend steht Peter Löscher also wieder stramm. Siemens hat einen Kreis von Journalisten in die Konzernzentrale geladen. Der CEO soll seine Pläne erläutern, schließlich endet an diesem Montag die 100-Tage-Frist, um die er genau diese Leute beim Amtsantritt gebeten hatte. Es gibt also Gesprächsbedarf. Alles ist bestens vorbereitet. Nur – mit der Staatsanwaltschaft München haben die Siemens-Kommunikatoren nicht gerechnet.

Denn als Löscher an diesem Tag um 14 Uhr aus dem Flieger steigt, da ahnt er nicht, welche Botschaft ihn auf dem Handy erwartet. Das Landgericht München verhängt eine Geldbuße von 201 Millionen Euro gegen Siemens und schließt im Gegenzug die Ermittlungen gegen den Konzern ab. Welcome home, Mr. Löscher.

In den vergangenen 100 Tagen ist Löscher auf der ganzen Welt unterwegs gewesen: zweimal China, zweimal Japan, Russland, Indien, Amerika, Deutschland, Österreich, der Mittlere Osten, 100 Tage Siemens. Er hat mit jungen Führungskräften, mit alten und mit ehemaligen Siemens-Chefs gesprochen. Er hat Kunden konsultiert, Journalisten informiert, er hat Angela Merkel kennengelernt, sich mit Freunden wie dem Allianz-Vorstand Paul Achtleitner beraten, in dessen Haus Löscher mit seiner Familie drei Monate lang wohnte und wo er einen Crashkurs in Münchener Verhältnissen bekommen hat. Vor allem aber hat Löscher zugehört. Am Donnerstag hat er erstmals darüber gesprochen: „Es gibt genug, das wir abarbeiten müssen.“

Viel ist über ihn zuletzt berichtet worden: Still sei er und einsam, heimlich plane er den großen Konzernumbau. Das alles klang nach Einzelgängertum. Das ist natürlich Unfug. Gute Bekannte schildern Löscher als ausgesprochen kommunikationsfreudig, als einen „Teamspieler gerade auch im Beruflichen“.

Vielleicht liegt das Missverständnis darin, dass Löscher konsequent vorgeht: Er hat versprochen, dass er vor allem zuhören werde. Das ist keine schlechte Taktik für einen, der neu ist im Riesenreich Siemens mit seinen 475 000 Mitarbeitern und fast ebenso vielen Fußfallen.

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