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Der Beißer von der BBC

Mark Thompson will den Staatssender fit machen für das Internet-Zeitalter. Die einen halten ihn für den Retter – andere für den Henker.

DÜSSELDORF. Wird ein Manager als „bissig“ beschrieben, ist dies für gewöhnlich eine Metapher. Bei Mark Thompson kann es wörtlich gemeint sein. 1998, als Chefredakteur der Neun-Uhr-Nachrichten der BBC, näherte sich sein Mitarbeiter Anthony Massey Thompsons Schreibtisch. Später gab dieser zu Protokoll, sein Chef habe geknurrt und „die Zähne in meinem linken Oberarm versenkt“, den er befreien musste wie „einen Stock aus dem Rachen eines Labradors“.

Thompson habe die angespannte Stimmung mit einem Scherz aufhellen wollen, lautet die offizielle Version der BBC. Geschadet hat dem Beißwütigen das bizarre Affärchen nicht – denn seit 2004 ist er die Nummer eins beim britischen Sender.

Und seitdem hat er sich die Strukturen seines Arbeitgebers vorgenommen wie ein Labrador ein Stück blutiges Fleisch. Der an Elite-Unis in Oxfort auf Führung getrimmte Journalist will die BBC „bereit machen für das digitale Zeitalter“. Während die einen ihn für den größten Reformer eines öffentlich-rechtlichen Senders weltweit halten, sehen seine Kritiker in ihm einen arroganten und sich selbst drastisch überschätzenden Henker, der die Feste der Qualität zum Rummelplatz macht.

Die Diskussionen flammten am Mittwoch in neuer Heftigkeit auf. Thompson gab bei einem Treffen mit der Belegschaft eine komplette Umstrukturierung des Senderkonglomerats bekannt. Markanteste Maßnahmen: Sport und Nachrichten werden in einer Division zusammengelegt, ebenso die Bereich Fernsehen und TV-Produktion. Und schließlich wird sich ein neuer Bereich „Future Media and Techology“ um Internet & Co. kümmern. Neue Chief Operating Officer wird die bisherige Strategiedirektorin Caroline Thomson: Sie ist die neue Schlüsselfigur ihres Chefs, sie soll die Umstrukturierungen bis April kommenden Jahres durchdrücken.

Es sind harte Zeiten in der gläsernen Zentrale in White City am Rande Londons. 15 Prozent des Etats will der BBC-Chef sparen, 4 000 Stellen fallen weg. Mindestens. Vergangenes Jahr gab es einen eintägigen Generalstreik, eine weitere Abstimmung über Kampfmaßnahmen konnte vorgestern gerade noch verhindert werden. Im Gegenzug musste Thompson Einsparungen beim Rentenprogramm zurückziehen.

Zeitgleich mit Entlassungen und unpopulären Maßnahmen wie dem Umzug der neuen Nachrichtendivision nach Manchester stiegen aber die Gehälter der Top-Manager. Nur Thompson verzichtete auf seinen Bonus 2005: Leisten kann er es sich, mit 459 000 Pfund Gehalt ist er der drittbestbezahlte Manager eines Staatsunternehmens im Königreich.

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