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Der entzauberte Musterschüler

Phillipe Jaffré durchwühlt einen Stapel Papiere. Weiter links im Saal steht sein Chef Patrick Kron und erklärt den Aktionären, wie es mit Alstom nach der Rekapitalisierung weitergeht. Jaffré starrt angestrengt in seine Akten, die Adern auf seiner Stirn schwellen an.

PARIS. Für den 58 Jahre alten Top-Manager und früheren Chef des Ölkonzerns Elf Aquitaine ist es eine Qual, den Auftritt dem weniger erfahrenen Kron zu überlassen. Denn in Jaffrés Augen ist es zu großen Teilen sein Sanierungsplan, den Kron den Aktionären präsentiert.

Jaffré hat als Alstom-Finanzvorstand mit Kron, dem vom Mineralkonzern Imerys an die Spitze des Anlagenbaukonzerns geholten Vorstandschef, ein komplexes Paket über 3,2 Milliarden Euro geschnürt: Steuergelder, frische Kredite, neues Kapital und eine Wandelanleihe sollen Frankreichs durch Misswirtschaft in Schieflage geratenen Vorzeigekonzern über Wasser halten.

Doch selbst wenn die EU-Kommission im Frühjahr 2004 den mehrfach überarbeiteten Rettungsplan genehmigen sollte: Für den 58 Jahre alten Jaffré ist der Alstom-Job schon jetzt eine Niederlage.

Denn als sich Jaffré im Februar 2002 vom damaligen Alstom-Chef Pierre Bilger hatte anheuern lassen, wollte er mit diesem Engagement die Schmach vergessen machen, die er im Zuge der Übernahme seines früheren Konzerns Elf Aquitaine durch Totalfina erlitten hatte. Zudem schielte er auf den Alstom-Chefsessel. Bilger seinerseits wollte mit Jaffré an Bord die schwelende Finanzkrise bei dem Hersteller von TGV-Zügen, Kraftwerken und Ozeandampfern in den Griff bekommen.

Doch das ging schief. Bilger musste gehen, sobald die Aktionäre im März 2003 die abgrundtiefen Löcher in der Bilanz bemerkten. Und für Jaffré wurde es zur Karrierebremse, dass ihn der falsche Mann angeheuert hatte.

Dabei waren bei Alstom die Vorschusslorbeeren für Jaffré immens gewesen. Die Börse erinnerte sich wohlwollend, dass er knapp zehn Jahre zuvor den staatlichen Ölkonzern Elf Aquitaine saniert und unter der Fahne des Shareholder-Values an die Börse gebracht hatte. Dafür war er als erster an der Elite-Uni ENA ausgebildeter Top-Manager Frankreichs vorzeitig aus dem Staatsdienst ausgeschieden – ohne Versorgungsansprüche.

Bei Elf allerdings nannten sie Jaffré den „Panzer“, er galt als kaltschnäuziger Tyrann. Mit seiner schroffen Direktheit war er der Stachel im Fleisch der auf Etikette bedachten Pariser Geschäftswelt. „Sei profitabel, dann fragt niemand nach der Strategie“, befand er 1998.

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