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Der Feind des Kitsches

Michael Krüger, Chef des Carl Hanser Verlags, ist ein herausragender Literaturmanager – und ein mittelmäßiger Literat.

MÜNCHEN. Auf seinem langen schwarzen Schreibtisch liegt ein Stapel Manuskripte, Klarsichthüllen und Schnellhefter. 60 cm ist dieser Berg Literatur hoch. Michael Krüger wird jedes dieser ihm zugeschickte Manuskript studieren – vielleicht ist ja ein Stück Weltliteratur darunter?

Der Chef des angesehenen Münchener Literaturverlages Carl Hanser ist nicht nur ein erfahrener Kaufmann, routinierter Lektor und gelernter Buchhändler, sondern auch selbst Schriftsteller. Der 60-Jährige ist ein Arbeitstier. Noch vor dem Frühstück fabuliert er auf eigene Rechnung: „Ich schreibe schon seit zehn Jahren an einem Roman“, bekennt der Verleger, der gleich um die Ecke seiner Firma im feinen Stadtteil Bogenhausen wohnt.

Pünktlich um 8.30 Uhr startet sein langer Arbeitstag im nüchternen Verlagsgebäude in der Vilshofener Straße. Mittagspausen kennt Krüger nicht, Schafskäse und ein paar Oliven bringt ihm zur Mittagszeit seine Mitarbeiterin Frau Zeller. Sie ist für Speise, Trank und E-Mails zuständig. Denn vom Computer-Datenverkehr hält der modern-traditionsbewusste Verleger nur wenig: Das raubt nur Zeit, und davon hat Krüger viel zu wenig. Irgendwann am Abend verlässt er das weiß gestrichene, eher nüchterne Haus in der Vilshofener Straße. Zu Hause geht es dann mit der Lektüre von Unveröffentlichtem weiter, meist bis Mitternacht. Ganz nebenbei gibt er auch noch die traditionsreiche Literaturzeitschrift „Akzente“ heraus.

Der Chef des Belletristikverlages, der bereits seit einem drei viertel Jahrhundert existiert, versteht den Spagat zwischen Moderne und Tradition. Hanser gilt als eine der besten Adressen für anspruchsvolle Literatur. Im Programm sind Nobelpreisträger wie Elias Canetti und Klassiker wie Eugen Roth, aber auch Avantgardisten wie Raoul Schrott. Dessen jüngstes Buch „Tristan da Cunha“, eine Liebesgeschichte um den entlegensten Ort der Welt, zählt zu Krügers Lieblingsbüchern: „Von Tristan da Cunha haben wir schon 20 000 Stück verkauft, gegen den Branchentrend.“

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