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Der Preistreiber

Nach dem Okay aus Brüssel geht die österreichische Telering an die Deutsche Telekom. Und ihr Chef Michael Krammer wechselt nach einer langen Hängepartie zum deutschen Konkurrenten E-Plus.

Der Mann weiß, wie er Leute überzeugen kann. Michael Krammer, gerade noch Chef von Telering, hat seinen neuen Arbeitgeber KPN so kennen gelernt: Die Niederländer waren auf Einkaufstour. Sie wollten den viertgrößten Mobilfunker Österreichs kaufen, weil Krammer das Unternehmen Telering gut positioniert hatte. Dann schnappte ihnen die Telekom-Tochter T-Mobile den Happen vor der Nase weg und erhielt gestern noch das Okay aus Brüssel.

Was den Niederländern jedoch bleibt, ist der Chef: Am 2. Mai wechselt Krammer nahtlos auf den Spitzenposten der deutschen KPN-Tochter E-Plus nach Düsseldorf. Die Übernahme war wegen der sich hinziehenden EU-Prüfung zur Hängepartie geraten, was dem 45-Jährigen aber nicht die Laune verdorben hat. „Der deutsche Markt hat noch ein enormes Wachstumspotenzial“, macht er sich schon einmal Mut.

Kollegen beschreiben Krammer als zielstrebig und diszipliniert – Überbleibsel seiner Zeit als Offizier im österreichischen Bundesheer. Dabei strahlt der schlanke Mann mit den widerspenstigen Locken keineswegs militärischen Schliff aus. Im Gegenteil – Krammer ist locker und unkompliziert. „Er ist kommunikativ und hat keine Allüren“, sagt Peter Zehetner, der Geschäftsführer des Handyherstellers Ericsson in Österreich, der ihn gut kennt.

Ehrgeiz ist für den neuen Chef des drittgrößten Mobilfunknetzbetreibers E-Plus ein wichtiger Antrieb. Bei der Militärakademie habe er sich vor allem deshalb beworben, weil das Auswahlverfahren streng war. Die meisten fallen durch. So was reizt ihn. So was will er bestehen. „Krammer ist ein hochkompetitiver Mensch“, bestätigt Elisabeth Mattes vom österreichischen Marktführer und Telering-Konkurrenten Mobilkom Austria.

Was nicht heißt, dass er sich mit allen verträgt. Anfang 2002 verließ er im Unfrieden seinen damaligen Arbeitgeber T-Mobile. Die Deutschen hatten zuvor die Mehrheit am österreichischen Mobilfunkanbieter Maxmobil übernommen, wo Krammer für den Geschäftskundenbereich verantwortlich war. „Die Strategie von T-Mobile war einfach nicht mit meiner Art in Einklang zu bringen“, regt er sich auf und gibt damit zu erkennen, dass Telering seit der Ankündigung der Übernahme durch die Deutschen keine Alternative mehr für ihn war.

Die Telekom-Tochter hatte 2002 die österreichische Kultmarke Maxmobil in T-Mobile Austria umbenannt. Die Musik habe nicht länger in Österreich, sondern in Bonn gespielt, argumentiert Krammer. Er wechselte zu Telering. Damit missachtete er seinen Vertrag, der vorsah, dass er nach seinem Ausscheiden ein Jahr lang nicht für einen Konkurrenten arbeiten durfte. T-Mobile klagte, einigte sich aber später mit ihm. „Krammer ist eine starke Persönlichkeit, der sein eigenes Ding macht“, glaubt Arno Wilfert von der Unternehmensberatung Arthur D. Little.

Ob er mit dieser Einstellung bei E-Plus der Richtige ist? Uwe Bergheim würde den Kopf schütteln. Er ist Krammers Vorgänger bei E-Plus und hat das Unternehmen verlassen, nachdem ihm die niederländische Zentrale Stan Miller vor die Nase gesetzt hatte. Der Südafrikaner leitet seit Anfang vergangenen Jahres die beiden ausländischen Mobilfunktöchter von KPN. Miller verbrachte mehrere Tage in der Woche in Düsseldorf und fädelte mit Bergheim die Gründung verschiedener Marken wie die des Billiganbieters Simyo oder des Pauschaltarifs Base ein.

Als Indiz dafür, dass es so schlimm nicht wird, kann Krammer immerhin seine neue Adresse in Düsseldorf betrachten: Er zieht in Millers leer stehendes Haus am Rhein ein, nachdem der Vorgesetzte zumindest Deutschland wieder den Rücken gekehrt hat. Für den sportlichen Österreicher hat das Haus die ideale Lage: Der ausgebildete Heeres-Skilehrer und Bergführergehilfe fährt regelmäßig Rad, joggt und läuft Inlineskates. Für kalte Wintertage hat er sein persönliches Fitness-Studio im Keller installiert. „Zwei- bis dreimal in der Woche brauche ich einfach Sport als Ausgleich.“ Seine Familie will er später nach Deutschland holen und sich auch ein neues Zuhause suchen. Vorerst tut es Millers Domizil: „Ich will hier ja vor allem arbeiten“, erklärt er.

Auf seinen Auftritt in Deutschland ist die Branche gespannt. In der Alpenrepublik hinterlässt Krammer deutliche Spuren. Mit Telering hat er einen aggressiven Preisbrecher geformt, der heute eine Million Kunden und knapp zwölf Prozent Marktanteil besitzt. „Als ich angefangen habe, hat Telering monatlich 15 Millionen Euro operativen Verlust eingefahren“, berichtet er, und es schwingt ein bisschen Stolz in der Stimme mit. „Heute verbuchen wir denselben Betrag als monatlichen Gewinn.“

Geschafft hat Krammer das mit einer geschickten Positionierung als Preistreiber und strengem Kostenmanagement. Der Werbeslogan „Der Speck muss weg“ gilt auch intern. Bei Telering wird Skoda als Dienstwagen gefahren. Das Bürogebäude liegt unscheinbar in einer Wohnstraße in der Wiener Innenstadt. Vor Krammers unternehmerischer Leistung ziehen selbst Wettbewerber den Hut. „Telering hat jeder übersehen, bevor Krammer kam“, sagt Mattes von Mobilkom Austria. „Er hat dem Unternehmen ein Profil gegeben.“ Dieses Talent wird der Neue bei E-Plus brauchen. Der drittgrößte deutsche Mobilfunker droht, sich in der eigenen Mehrmarkenstrategie zu verheddern. Am Ende könnte er selbst dabei verschwinden.

Krammer kämpft dagegen: E-Plus soll ebenso wie die beiden großen Anbieter T-Mobile und Vodafone zwar Handys subventionieren – die Rivalen beim Minutenpreis aber unterbieten. Neue Anwendungen wie mobiles Fernsehen will er erst ins Programm aufnehmen, wenn wirkliche Nachfrage besteht. Der kühle Rechner ist skeptisch gegenüber Datendiensten, mit denen die Branche wachsen will. „Der Mobilfunk ist stark von Phantasien wie dem Hype um UMTS getrieben.“ Wenn er beim Militär eines gelernt habe, dann das: Vor der Schlacht steht die nüchterne Analyse.

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