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Der Seher aus der Provinz

Seinen Rat suchen Milliardäre, CEOs und Kleinanleger. Morgen wird Warren Buffett 75 – aufhören will er noch lange nicht.

NEW YORK. "Während der Dienstzeit werden bei uns keine Geburtstage gefeiert. Dafür haben wir hier keine Zeit.“ Klare Ansage von Debbie Bosanek, der Sprecherin von Warren Buffett. Ob ihr Chef, der zweitreichste Mann der Welt, vielleicht privat einige Gäste zu seinem 75. Geburtstag am morgigen Dienstag einlade, wisse sie nicht. Auch die Wirtschaftsredakteurin der Lokalzeitung „Omaha World-Herald“ in Buffetts Geburtsstadt hat nichts gehört von irgendwelchen Feierlichkeiten.

Obwohl: Es passt zum Chef der Anlageholding Berkshire Hathaway, dass er wenig Aufhebens um seinen Geburtstag macht. Zurückgezogen in der Provinzstadt Omaha, Nebraska, im Norden der USA, lebt Buffett in dem gleichen Haus, das er 1958 für 31 500 Dollar kaufte.

Zumindest wissen die Gratulanten also, wohin mit den Glückwünschen. Und davon wird es reichlich geben für den Hornbrillenträger mit den billigen Anzügen und den ergrauten, oft leicht verwirbelten Haaren. Das US-Magazin „Forbes“ taxiert seine Berkshire-Anteile auf 44 Milliarden Dollar: Das macht Buffett zu einem der mächtigsten Strippenzieher der Weltwirtschaft.

Durch seine Beteiligungen an Großkonzernen wie Coca-Cola, Gillette, American Express und dutzenden anderen entscheidet Buffett mit über die Besetzung von Amerikas Chefsesseln. Früher als viele andere schimpfte er wortgewaltig auf betrügerische Manager, blinde Wirtschaftsprüfer und gierige Banker. Als Investment-Guru sammelte Buffett eine weltweite Anhängerschar um sich, die seine Berkshire-Aktie kaufen oder auf eigene Faust den Ratschlägen des „Orakels von Oma-ha“ nacheifern.

Auch die Mächtigsten holen sich gerne Rat bei Buffett. Das gilt sogar für seinen Freund Bill Gates, den Gründer des Softwareriesen Microsoft und einzigen Menschen, der noch ein paar Milliarden mehr sein Eigen nennt als Warren Buffett.

A. G. Lafley, der Chef des weltgrößten Konsumgüterherstellers Procter & Gamble, sicherte sich Buffetts Unterstützung für den 57 Milliarden Dollar teuren Kauf des Rasierklingenspezialisten Gillette. Schließlich saß der Berkshire-Chef bei Gillette lange im Aufsichtsrat und ist mit neun Prozent größter Einzelaktionär. Als die Gillette-Aktionäre vor einem Monat über Lafleys Kaufofferte abstimmten, pries Buffett die Kombination als „traumhaftes Geschäft“. 95 Prozent der Aktionäre votierten für den Deal.

Selbst Politiker werden bei Buffett vorstellig. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 beriet er den Herausforderer John Kerry. Die Niederlage Kerrys gegen Amtsinhaber George W. Bush konnte aber auch Buffett nicht verhindern.

Politisch steht er im Gegensatz zu seinem erzkonservativen Vater, dem einstigen US-Kongressabgeordneten Howard Buffett: Er ist ein Freund der Demokraten, auch wenn er manchmal von der Parteilinie abweicht. So beriet er Ex-Hollywood-Star Arnold Schwarzenegger bei seinem Aufstieg zum Gouverneur von Kalifornien, obwohl der für die Republikaner antritt.

Sogar in Hongkong verfolgen Investoren nervös jedes Signal aus Omaha. So geriet vor wenigen Tagen der Aktienkurs des größten chinesischen Ölförderers, Petrochina, an der Hongkonger Börse unter Druck. Grund: Nachrichtenagenturen kolportierten Gerüchte, wonach Buffett als größter privater Aktionär seinen Anteil verkaufen wolle.

Umgekehrt sprang der Aktienkurs der britischen Baumarktkette Kingfisher kürzlich nach oben, weil eine Tochter von Berkshire Hathaway dort laut einer Pflichtmitteilung ein paar Millionen Pfund investiert hatte.

Buffetts Einfluss geht weit über seine Finanzkraft hinaus. Viele Anleger beobachten jeden seiner Schritte und versuchen, ihn zu kopieren. Seit 1965, als er die Kontrolle über die einstige Textilfabrik Berkshire Hathaway übernahm, schlug sein Fonds – mit Ausnahme von sechs Jahren – den Aktienindex S&P 500. Eine solch lange Erfolgsserie kann kaum ein anderer Investor vorweisen.

Allerdings ist Buffetts Unfehlbarkeitsmythos angekratzt. Zwei der sechs schlechten Jahre waren 2003 und 2004. Und seit Anfang 2005 fuhren Berkshire-Aktionäre schlechter, als wenn sie nur auf den Gesamtmarkt gesetzt hätten.

Doch treue Fans sehen darin einen vorübergehenden Ausrutscher. „Ich vertraue Buffett blind“, sagt der Investor Robert Seagale bei der jüngsten Hauptversammlung von Berkshire Hathaway. Die Veranstaltung mit rund 20 000 Besuchern in der eigens angemieteten Konzerthalle von Omaha gleicht eher einer Unterhaltungsshow als einem trockenen Aktionärstreffen.

Eine unangenehme Frage taucht in Omaha jedoch immer häufiger auf: Was wird, wenn Buffett seinen Job nicht mehr ausüben kann? Buffett lenkt dann gerne ab mit seinem Standardspruch, er strebe seiner Ex-Mitarbeiterin Rose Blumkin nach: Die führte einen zu Berkshire gehörenden Möbelmarkt noch bis ins Alter von 103 Jahren.

Für den Fall, dass Buffett dieses Alter nicht erreicht, hat er einen streng geheimen, handschriftlichen Brief vorbereitet. Darin steht laut „Wall Street Journal“, welche beiden Manager künftig getrennt Hauptaufgaben übernehmen sollen: Einer soll sich um die Anlagepolitik kümmern, der andere um die operative Leitung der Holdingtöchter. Angeblich beginnt Buffett den Brief mit der für ihn typischen Selbstironie mit den Worten: „Gestern bin ich gestorben. Das ist zweifellos eine schlechte Nachricht für mich, aber es ist keine schlechte Nachricht für unser Geschäft.“

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