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Der unterschätzte Außenseiter

Jean-Cyril Spinetta macht Air France durch die Allianz mit KLM zur größten Fluggesellschaft Europas.

Als der Vorstandschef der Air France am Nachmittag des 25. Juli 2000 aus dem Bürofenster blickt, spielt sich vor ihm eine unwirkliche Szene ab: Planmäßig hebt eine Concorde seiner Gesellschaft von der Rollbahn des Pariser Flughafens Charles de Gaulle ab. Sie zieht aber einen langen Feuerschweif hinter sich her. Verzweifelt manövrieren die Piloten, um dem drohenden Absturz mit einer Notlandung zuvorzukommen. Jean-Cyril Spinetta stockt der Atem.

Bereits bevor der Überschallflieger Sekunden später vom Himmel fällt und 113 Menschen in den Tod reißt, ist Spinetta klar, dass eine Epoche der Luftfahrt zu Ende geht: Die Zeit des Techniksymbols Concorde ist vorbei. Die Luftfahrtgesellschaften sind keine nationalen Flaggenträger mehr. „Was zählt, ist Wettbewerbsfähigkeit“, weiß er.

Das heißt für ihn, an der Neuordnung der Branche teilzunehmen: Ein paar Wochen vor der Katastrophe hat er mit Delta-Airlines-Boss Leo Mullen die beiden Gesellschaften in eine Allianz eingebracht, die noch nicht Sky Team heißt. Die Verbindung mit der niederländischen KLM, die er gestern vereinbart hat, lag noch in weiter Ferne – aber der Weg zeichnete sich schon ab.

Kaum drei Stunden nach dem Crash steht der Air-France-Chef sichtlich erschüttert, aber absolut schwindelfrei vor den Fernsehkameras der Welt. Er übernimmt für sein Unternehmen die Verantwortung für das Unglück, eine Geste, die den meisten Airline-Managern nach Unfällen schwer fällt. „Da hat er große Klasse bewiesen“, sagt ein Kollege.

Technisches oder menschliches Versagen? Spinetta sucht nicht nach Sündenböcken. Er weiß, dass er die Hinterbliebenen entschädigen muss, ohne die Gesellschaft zu ruinieren. Für einige Wochen verschieben sich seine Prioritäten: Allianzen und Auslastung rücken in den Hintergrund. Was zählt, ist Anteilnahme und Authentizität.

In der von Angelsachsen geprägten Luftfahrt-Welt ist Spinetta ein Außenseiter. Auch nach langem Intensiv-Training ist das Englisch des Absolventen der Elitehochschule Ena allenfalls passabel. Das finden zumindest jene, die sich auf das Abenteuer seines schweren Akzents einlassen, bei dem sich jeder Satz wie eine Landung auf einer Graspiste anfühlt. Wer mit ihm ins Französische wechselt, wird überrascht: Der Graspisten-Akzent bleibt. Spinetta ist in Korsika aufgewachsen. Es fiele ihm nicht ein, dies vor Pariser Ohren zu verstecken.

Aber bei öffentlichen Auftritten überlässt er gern das Wort seinen Vorstandskollegen. Vor Publikum und Kameras ins Kreuzfeuer genommen, reagiert er schon mal leicht gereizt. Seine Autorität und Überzeugungskraft kann er besser in kleiner Runde ausspielen, etwa beim Vorstandsmeeting jeden Dienstag. Da erweist er sich als geduldiger Zuhörer, verblüffender Kopfrechner und passionierter Überzeuger – aber auch als Boss, der keinen Widerspruch duldet, wenn er seine Entscheidung getroffen hat. „Korsische Schweine haben ein dickes Fell“, sagt er dann.

Bei alledem pflegt der Chef der künftig größten Airline Europas seine besonderen Vorlieben. Spinetta ist für seinen Tabakkonsum berüchtigt. Insider wollen schon am Klicken seines silbernen Dupont-Feuerzeugs erkennen, ob der Chef gelassen oder nervös, gut oder schlecht gelaunt ist. Drei Päckchen „Gitanes“ sind sein Proviant für den Tag. Die sprichwörtlichen Unternehmerzigarren sind dem bekennenden Linken und Mitautoren von Francois Mitterands Wahlprogramm 1981 ein Gräuel.

Überhaupt ist der Korse kein Mann der Etikette. „Ständig kommt er zu spät“, stöhnt seine Sekretärin. Selbst befreundete Vorstandschefs lässt er schon mal eine Stunde im Vorzimmer warten. „Er hat ein etwas spezielles Verhältnis zur Zeit“, merkt einer von ihnen an. Spinetta arbeitet 16 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Doch zwischendurch verschwindet der Rugbyfan gelegentlich ins nächste Bistro, wo er sich bei der Lektüre der Sportzeitung „L’Equipe“ entspannt.

Aber keine Frage: Spinetta, der bei seinem Amtsantritt 1997 als zweite Wahl galt, ist der richtige Mann im Cockpit der Air France. Er bewies 1998 Geduld und Verhandlungsgeschick bei einer Streikwelle, die das Unternehmen fast ruiniert hätte. Vor zwei Jahren zollte die Branche dem Überflieger höchsten Respekt dafür, wie er Air France durch die schweren Monate nach den Anschlägen am 11. September in New York führte.

Kurz nach den US-Attentaten verschwanden Swissair und Sabena vom Himmel. Spinetta zögerte nicht, wichtige Flugrouten der beiden Airlines zu übernehmen. Und in diesem Sommer griff er mit dem erforderlichen Feingefühl zu, als Hollands KLM Hilfe suchte. Alitalia dagegen lässt der Korse noch zappeln.

Empfindsamkeit und Beharrlichkeit sind seine Stärken, auch im Privatleben. Eins seiner vier Kinder kam gehörlos zur Welt. Es in ein Heim zu geben kam für ihn nicht in Frage. Er engagierte sich in Selbsthilfeorganisationen und fördert seither die Integration Behinderter.

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