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Die Matriarchin

Liz Mohn feiert ihren bislang größten Triumph. Der Sprecherin der Eigentümerfamilie ist es gelungen,den Börsengang von Bertelsmann zu verhindern. In der Gütersloher Zentrale des Medienkonzerns sind jedoch nicht alle froh.

LOS ANGELES/ DÜSSELDORF. Es wird ihr ganz großer Auftritt. Liz Mohn lädt an diesem Samstag zum traditionellen „Rosenball“ ins Berliner Hotel Interconti ein. Michelle Hunziker, Ex-Frau von Popsänger Eros Ramazotti, führt durch den Abend, Musical-Star Liza Minnelli singt Evergreens – und Prominente aus Politik und Wirtschaft lassen sich die Eintrittskarte mehr als 500 Euro kosten.

Liz Mohn sammelt Geld für ihre Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Aber nicht nur deshalb wird die zierliche Frau mit den stets blitzenden Augen an diesem Abend im Mittelpunkt stehen. Die Sprecherin der Verlegerfamilie Mohn hat sich durchgesetzt und den aus ihrer Sicht drohenden Börsengang von Bertelsmann verhindert.

Überraschend schnell hat sie sich mit dem ungeliebten Gesellschafter Albert Frère und seiner Groupe Bruxelles Lambert (GBL) geeinigt: Bertelsmann zahlt dem Belgier 4,5 Milliarden Euro für seine 25,1 Prozent an Europas größtem Medienkonzern.

„Ich freue mich über den Rückkauf“, sagte sie gestern lediglich. Aber mit diesem Coup hat die 64-Jährige den vorläufigen Zenit ihrer Macht erreicht. Künftig kann die Matriarchin mit ihrem Mann Reinhard und ihren Kindern Christoph und Brigitte weiter schalten und walten – Bertelsmann bleibt auf unbestimmte Zeit ein Familienunternehmen.

Der einstige Stahlbaron und heutige Milliardär Frère (siehe unten) hatte im Jahr 2001 seinen Anteil am TV- und Radiokonzern RTL Group an Bertelsmann verkauft und dafür die Beteiligung am Gütersloher Konzern erhalten. Außerdem bekam er das Recht, ab Mai 2006 den Börsengang von Bertelsmann zu verlangen.

Diese Option sorgte bei Liz Mohn und ihrer Familie für zunehmende Nervosität. Zuerst galt die Losung von Liz Mohn aus dem Frühjahr 2005, dass ein Rückkauf der Anteile nicht in Frage komme.

Diese Woche schließlich erzählte sie dem „Manager-Magazin“, ob Börsengang oder Rückkauf, das sei nur von zweitrangiger Bedeutung. „Wir haben eine ganz klare Haltung, nämlich die, dass es für externe Investoren bei einer Grenze von maximal 25 Prozent bleibt.“ Das könne ein Aktionär sein wie die GBL, „das können aber auch Tausende von Einzelaktionären sein“. Das war offenbar nur ein Verhandlungstrick. Denn währenddessen verhandelte Finanzvorstand Thomas Rabe mit Frère weiter.

Für Liz Mohn ist der Rückkauf des Anteils ein Triumph. Sie, die einstige Telefonistin, steigt zur mächtigsten Medienfrau Europas auf – eine rasante und einmalige Karriere.

Sie sei ein Sorgenkind gewesen – schmächtig und ängstlich–, schreibt sie in ihrem umstrittenen Buch „Liebe öffnet Herzen“ über ihre Jugendzeit. Doch schon damals verfolgt sie ihre Ziele konsequent. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, tat ich alles, um es zu erreichen“, schreibt sie. „Und in solchen Momenten flossen mir ungeahnte Kräfte zu.“

Später wird sie oft unterschätzt. Am härtesten bekommt dies der frühere Bertelsmann- und heutige Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff zu spüren. Er muss im Sommer 2003 gehen. Sein Ziel, den Konzern an die Börse zu bringen, ist Liz und Reinhard Mohn nicht geheuer.

Ihren Mann lernt sie 1958 bei einem Betriebsfest von Bertelsmann kennen. Die gelernte Arzthelferin, die gerade als Telefonistin beim Buchclub angefangen hat, nimmt an der „Reise nach Jerusalem“ teil. Sie schafft es ins Finale des Spiels zu kommen, bei dem alle Teilnehmer um Stühle herumtanzen und dann einen der Stühle ergattern müssen, wenn die Musik stoppt. Am Schluss steht die zierliche 17-Jährige im weißen Wollkleid, das ihre Mutter genäht hat, dem 20 Jahre älteren Reinhard Mohn gegenüber. „Von dem Tag an war nichts mehr wie vorher“, schreibt sie in ihrer Autobiografie weiter. Es beginnt eine Liebesaffäre mit dem verheirateten Reinhard Mohn, den sie später ehelicht.

Zunächst kümmert sie sich vor allem darum, ihre Kinder Brigitte, Christoph und Andreas großzuziehen. Dann drängt es sie hinaus. Sie gründet einen „Damenkreis“ der Managerehefrauen und 1992 die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Erst im Jahr 2000 wagt sie sich an ihre erste Aufgabe im Bertelsmann-Konzern: Sie wird Mitglied des Aufsichtsrats. Von da an gewinnt sie immer mehr Einfluss. Zwei Jahre später übernimmt sie die Leitung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), die die Aktienmehrheit hält. Und dann, im Februar 2003, ist sie ganz oben angekommen. Als ihr Mann sein neues Buch vorstellt, setzt er sie offiziell „für die Wahrnehmung des Familieneinflusses“ bei Bertelsmann ein.

„Ich habe keine Machtposition“, sagt sie damals der Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger im Sender N-TV. Das Gegenteil ist der Fall, und jeder weiß es. Dass sie Sprecherin der Eigentümerfamilie werde, habe sie nie gewollt, versichert sie damals. Warum dann doch? „Disziplin“, sagt sie. Mit Disziplin schafft sie es auch, mit dem Rauchen aufzuhören. „Ich bin von 30 Zigaretten am Tag auf null – ohne Pflaster oder andere Hilfsmittel“, verriet sie der „Bild“-Zeitung.

Die Disziplin hilft ihr auch beim ungeliebten Mitgesellschafter Frère weiter. Um den einstigen Schrotthändler wieder loszuwerden, diszipliniert Liz Mohn den Konzern. Aus dem Vorstandschef Thielen macht sie einen Sparkommissar. Denn angesichts des gewaltigen Darlehens, das der Konzern aufnehmen muss, bleibt ihrem Duz-Freund kaum noch der Handlungsspielraum, um gegen Medienriesen wie Time Warner, Disney und News Corp. anzutreten.

In der Gütersloher Konzernzentrale wird vermutet, dass Thielens Stern am Mohnschen Firmament zunehmend verblasst. „Die Familie sieht kritisch, dass Thielen den Konzern nicht besser für einen Rückkauf der Anteile vorbereitet hat“, sagt ein Insider. Augenfällig ist, dass Aufsichtsratschef Dieter Vogel eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Der frühere Thyssen-Chef hat in diesen Wochen viel in Gütersloh zu tun. Er genießt Respekt. Liz Mohn hört auf ihn. Vogel soll es gewesen sein, der Mohn zu den öffentlichen Äußerungen geraten und beim Rückkauf eine zentrale Rolle gespielt habe.

Im Management ist die Freude über den verhinderten Börsengang nicht ungeteilt. Für den Konzern sind die 4,5 Milliarden Euro eine schwere Belastungsprobe. Der Musikverlag BMG Music Publishing wird verkauft, Milliardenschulden werden aufgehäuft. „Hinter den Kulissen herrscht keineswegs Friede, Freude, Eierkuchen“, erzählt ein langjähriger Bertelsmann-Intimus in Gütersloh. Denn am Ende des Coups steht ein amputierter Medienkonzern. „Der Börsengang wäre wie ein Befreiungsschlag gewesen“, heißt es in Gütersloh zur Stimmung im Vorstand. Der hätte für mehr Transparenz gesorgt und die Macht der Eigentümerfamilie beschnitten. „Der Vorstand ist der Angestellte des Eigentümers“, heißt die Devise in der Konzernzentrale. Deshalb beißen die Vorstände die Zähne zusammen, lächeln und feiern – wie beim Rosenball am Samstag in Berlin. Der gesamte Vorstand mit Ausnahme von Peter Olson, dem Chef des weltgrößten Buchkonzerns Random House, rückt an – und Liz Mohn sieht es mit Freuden.

Vita: Liz Mohn

1941: Sie wird am 21. Juni in Wiedenbrück/Ostwestfalen als Tochter eines Handwerkers und einer Hutmacherin geboren. Sie macht eine Lehre als Zahnarzthelferin.

1958: Sie fängt bei Bertelsmann als Telefonistin an. Bei einem Betriebsfest lernt sie den Konzernpatriarchen Reinhard Mohn kennen.

1982: heiratet sie ihn. Die beiden haben drei Kinder. Sie arbeitet in der Bertelsmann-Stiftung.

1993: Sie gründet die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

2000: Sie wird Präsidiumsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG.

2002: Sie übernimmt den Vorsitz der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG).

2003: Reinhard Mohn übergibt ihr offiziell die Führung der Familieninteressen im Konzern.

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