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Heilige Balance

Die Diskussion über Managergehälter beschert Anselm Bilgri ein gutes Geschäft. Der ehemalige Mönch von Kloster Andechs am Ammersee berät die Wirtschaftselite in Ethikfragen.

MÜNCHEN. Der Geschmack ist erlesen, die Auswahl gediegen. Große Ölbilder zieren die Wände, Designermöbel den Parkettfußboden. Nur ein Flachbildschirm steht auf dem eleganten Holzschreibtisch, kein Papier, keine unnötigen Blickfänger. Eine sakrale Atmosphäre erfüllt das Arbeitszimmer von Anselm Bilgri, auch wenn jeglicher Hinweis auf die kirchliche Vergangenheit des Hausherrn fehlt.

Der ehemalige Benediktinermönch Bilgri ist heute Vielflieger und Vielredner. 80 Vorträge hat er in diesem Jahr schon hinter sich, er hält Seminare, schreibt Bücher. Ein Dutzend Mitarbeiter zählt sein Zentrum für Unternehmensberatung, gleich neben Münchens mondänem Königsplatz gelegen. Kein schlechter Start für ein Start-up in diesen Zeiten, ist Bilgri doch erst seit drei Jahren im Geschäft. Der Grund: Seine Botschaften haben Konjunktur.

"Kirche und Wirtschaft haben den Kontakt zueinander verloren", sagt der joviale Exmönch. 29 Jahre lebte er als Benediktinerbruder im Kloster Andechs, einem der bekanntesten Ausflugsziele in Bayern. Als Cellerar, wirtschaftlicher Leiter, vermarktete Bilgri dessen Produkte und Namen - ein mittelständisches Unternehmen unter klösterlicher Führung mit 200 Angestellten.

Doch die Wahl zum Abt blieb Bilgri verwehrt. Im Streit schied er im Jahr 2004 aus dem Kloster aus. Die anschließende Pleite der "Kloster Andechs Gastronomie AG" endete in einem spektakulären Gerichtsprozess. Heute berät Bilgri Manager über ethisches Handeln im Kapitalismus.

"Früher hatten Kirchenleute und Politiker eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft, heute sind es Manager", sagt Bilgri und ist schon mitten im Thema. Schließlich hätten einige Führungskräfte an Bodenhaftung verloren, klagt der Exmönch. Wenn es um Namen geht, schweigt er allerdings sorgsam: alles schließlich potenzielle Kunden.

Die Diskussion über Leistung, Erfolg, Mindestlohn und Managergehälter nage aber am Selbstverständnis der Wirtschaftseliten. Viele Führungskräfte schwömmen nun in einer "Wertesuppe", sagt Bilgri: getrieben, halt- und ziellos. "Viele kommen zu uns und sagen: ,Jetzt haben wir zweimal umstrukturiert, und die Leute glauben uns nichts mehr. Das Vertrauen im Unternehmen ist weg.?"

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