Profil: Heinrich von Pierer
Der zweite Frühling des von Pierer

Heinrich von Pierer ist fit. Der leidenschaftliche Tennisspieler, schon 1959 bayerischer Jugendmeister, gewinnt in seiner Freizeit ein Spiel nach dem anderen, berichten Vertraute. Bei den diesjährigen Bayern-Meisterschaften in der Altersklasse „über 50“ hat der 62-Jährige noch keinen Satz abgegeben.

MÜNCHEN. Auch sonst läuft es für den Siemens-Chef derzeit gut. Der Münchener Hightech-Konzern hat zwar schwer unter der Telekommunikationskrise und der weltweiten Konjunkturflaute zu leiden. Analysten prognostizieren, dass Gewinn- und Umsatzzahlen, die von Pierer heute bekannt geben wird, hinter den Vorjahreswerten zurück bleiben. Dennoch sitzt von Pierer auch nach elf Jahren an der Konzernspitze fest im Sattel – vielleicht fester denn je. Interne Kritik an ihm gibt es praktisch nicht. „Er ist die unbestrittene Nummer Eins“, heißt es unisono.

Von Pierer baut seinen Einfluss sogar noch aus. Gestern kündigte er an, dass er innerhalb des Vorstands zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben die kommissarische Verantwortung für die kriselnde Siemens-Sparte „Information und Kommunikation“ übernehmen wird. Damit wacht er jetzt höchstpersönlich über die Sanierung des Problembereichs.

Von Amtsmüdigkeit also keine Spur. Es gilt jetzt auch als abgemacht, dass der umgängliche Franke aus Erlangen seinen Vorstandsvertrag, der bis September 2004 läuft, noch einmal verlängern wird – möglicherweise bis Anfang 2006, wenn er seinen 65. Geburtstag feiert. Dann will er an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln.

„Ich bin eigentlich ein gescheiterter Politiker, der bei Siemens bleiben musste“, scherzt von Pierer schon mal in kleiner Runde. 1976 wollte er für die CSU seiner Heimatstadt Erlangen in den Bundestag einziehen, doch die Kandidatur scheiterte. Aber Politiker ist der promovierte Jurist auch als Siemens-Chef geblieben. Mit Kanzler Gerhard Schröder oder Ministerpräsident Edmund Stoiber – mit beiden ist er in engem Kontakt – verbindet ihn der Wille zur Macht. Mit einem innerhalb des Konzerns engen Netzwerk von persönlichen Beziehungen sichert er seine Position.

Wichtig ist für von Pierer vor allem ein gutes Verhältnis zu Karl-Hermann Baumann. Der mächtige Chef des Siemens-Aufsichtsrat gilt als der wichtigste Mann im Hintergrund. Der grauhaarige, ehemalige Finanzvorstand, der als Aufsichtsrat auch über viele andere Konzerne dieser Republik wacht, residiert in der Konzernzentrale im Herzen Münchens direkt neben von Pierer. Die beiden Büros im ersten Stock mit Blick auf den Wittelsbacher Platz sind nur durch ein großes gemeinsames Sekretariat getrennt.

Der Kontakt ist eng. Hier wird auch die Entscheidung fallen, wer eines Tages zum neuen Siemens-Chef gekürt wird. „Ein gutes halbes Dutzend Manager“ ist in der engeren Auswahl, heißt es. Geschickt lässt der Konzernchef derzeit die potenziellen Nachfolger gegen einander antreten. Mit schwierigen Sanierungsaufgaben betraut, müssen sich junge Hoffnungsträger wie Thomas Ganswindt oder Klaus Kleinfeld in harter Kärrnerarbeit beweisen. Wer seine Ambitionen zu früh öffentlich macht oder laute Kritik übt, könnte schnell weg vom Fenster sein.

Auch von der Arbeitnehmerseite droht für von Pierer kein Sperrfeuer – trotz der jüngsten Entlassungen. 32 000 Arbeitsplätze wurden in nur zwei Jahren abgebaut, überwiegend im defizitären Telekomsektor. Aber traditionell herrscht bei Siemens ein Konsensklima, der Konzern beschäftigt immerhin über 420 000 Menschen weltweit. Der Boss sucht den Dialog, geht schon mal in die Kantine und setzt sich ungefragt zu den Siemens-Arbeitern. In der Zentrale kommt es auch schon mal vor, dass die Tür auffliegt und von Pierer unangemeldet dasteht, wenn er etwas wissen will. „Er geht direkt auf die Leute zu, hält sich nicht an Hierarchien“, erzählen Mitarbeiter.

Aber der Siemens-Chef hat auch andere Zeiten erlebt. Ende der neunziger Jahren wurde die Kritik an ihm immer lauter. Als „Softie“ und „entscheidungsschwach“ wurde er beschimpft. Der Druck von Analysten und Kapitalmärkten wurde immer größer. Siemens, bis dahin wegen der hohen Kapitalreserven als „Bank mit angeschlossener Elektroabteilung“ verspottet, sollte endlich auf Gewinn getrimmt werden.

„Bringen Sie den schlingernden Riesentanker Siemens in Fahrt und auf Kurs, oder verlassen Sie die Brücke“, forderten im Februar 1999 auch die Aktionäre. Von Pierer handelte – wenn auch spät. Zusammen mit seinem Finanzchef, dem ehemaligen Investmentbanker Heinz-Joachim Neubürger, brachte er Infineon und Epcos an die Börse. Er setzte sogar Vorstände vor die Tür, wenn die Leistung nicht stimmte – bis dahin unvorstellbar bei Siemens.

Jetzt muss er nur noch beweisen, dass er auch seinen eigenen Abgang richtig vorbereiten kann.

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