Profil: Im Streit um das Kirch-Erbe verfolgen alle Beteiligten ihre eigenen Interessen
Ein Pokerspiel mit vielen Gewinnern

Haim Saban ist zurück – diesmal als strahlender Sieger. Schon am Wochenende hatte er sich wieder im vornehmen Münchener Hotel Mandarin Oriental eingemietet, um seinem Übernahmeangebot für Deutschlands größten TV-Konzern Pro Sieben Sat 1 den letzten Schliff zu geben.

Hier wohnte er bereits im Frühjahr. Doch damals musste er unverrichteter Dinge wieder abreisen. Jetzt, im zweiten Anlauf kam der Durchbruch. Am Dienstag verkauften die Kirch-Gläubiger den TV-Konzern an den charismatischen Selfmade-Mann aus Los Angeles. Im Juni war der Milliardendeal noch an finanziellen Details gescheitert. Diesmal hat der 58-Jährige potente Geldgeber mitgebracht. Ganze 17 Monate wurde um die Zukunft der TV-Kette Pro Sieben Sat 1 gepokert. Hinter den Kulissen verfolgten alle Beteiligten ihre eigenen Interessen – und arbeiteten meist gegeneinander.

Der Angreifer: Saban weiß, was er will. Offen bekennt der Amerikaner in kleiner Runde, dass ihm das nervenzermürbende Übernahmepoker um den deutschen TV-Konzern sogar Spaß mache. Hinter der freundlichen Fassade steckt viel Ehrgeiz. Der Milliardär und sein engster Vertrauter Adam Chesnoff sind knallharte Geschäftsleute, die den Preis gnadenlos drücken. Anfang Juni haben sie die fast fertige Transaktion in letzter Minute eiskalt platzen lassen. Angeblich ging es nur noch um 30 Millionen Euro.

Jetzt – zwei Monate später – sind die Medienprofis am Ziel. Sie kaufen nur den TV-Konzern. Die Filmbibliothek, auf der hohe Schulden lasten und deren Wert zweifelhaft ist, bleibt – anders als beim letzten Versuch – außen vor. Ein cleverer Deal, denn mit der Filmbibliothek ist nicht viel anzufangen. Ohnehin, so ist in der Branche zu hören, wollen Saban und seine Partner aus der Risikokapitalbranche nur sanieren und den Aufschwung in der Medienbranche abwarten, um Pro Sieben Sat 1 mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Der Getriebene: Urs Rohner hat die Stürme der Kirch-Insolvenz nach außen hin unbeschadet überstanden. Der gebürtige Schweizer sitzt auf dem Chefsessel von Pro Sieben Sat 1, als sei nichts gewesen. Dabei wird seit seinem Amtsantritt vor gut drei Jahren viel über die Zukunft des spröden Juristen spekuliert. Insbesondere in Bankenkreisen gab es zuletzt Unmut über den Manager.

Fehlender Durchsetzungswille, ungenügende, strategische Weitsicht und zu wenig Erfahrung in der Medienbranche werden dem früheren Wirtschaftsanwalt vorgeworfen. Auch intern ist Rohner geschwächt. Marktführer RTL hängt seine beiden wichtigsten Sender, Sat 1 und Pro Sieben, zunehmend ab. Zuletzt scheiterte der TV-Boss mit dem Versuch, die Chefs seiner Sender Pro Sieben und Sat 1 abzusetzen.

Trotzdem: Unter Saban könnte der 43-Jährige einen zweiten Frühling erleben. Das Verhältnis zum künftigen Mehrheitseigner sei gut, heißt es in München. Offenbar wollen die neuen Herren zunächst an ihm festhalten.

Der Sanierer: Hans-Joachim Ziems galt zuletzt als einer der härtesten Gegner von Rohner. Der Sanierer, der im Februar 2002, also kurz vor dem Zusammenbruch des Kirch-Imperiums, noch von Leo Kirch als Berater ins Unternehmen geholt wurde, hatte angeblich selbst Ambitionen auf einen Vorstandsposten von Pro Sieben Sat 1. Ende Juni wurde Ziems in den Aufsichtsrat des TV-Konzerns gewählt. Von dort überwachte er Rohner. Sollte der Verkauf an Saban nun tatsächlich klappen, sind Ziems’ Tage in München gezählt. Dann wird er nach Köln in seine Beratungsfirma zurückkehren.

Der Insolvenzverwalter: Für Michael Jaffé ist die Insolvenz des Kirch-Konzerns in jedem Falle ein gutes Geschäft. Der Münchener Jurist wird noch Jahre zu tun haben, bis der Fall abgeschlossen ist und alle Gläubiger ihr Geld bekommen haben. Die Kirch-Insolvenz ist der erste wirklich große Fall des 40-Jährigen – und nur knapp rutschte er an einer Blamage vorbei. Denn viel zu lang hielt Jaffé an seiner Idee fest, den TV-Konzern und die Filmbibliothek nur zusammen zu verkaufen. So zogen sich die Verhandlungen in die Länge, immer wieder gab es Rückschläge. Geht der Saban-Verkauf in den nächsten Tagen doch noch reibungslos über die Bühne, wäre das ein Happy End auch für Jaffé.

Die Banker: In der Not vereint, doch in der Sache zerstritten, so präsentierten sich lange die Kirch-Gläubigerbanken. Dieter Rampl, Chef der Hypo-Vereinsbank, setzte zunächst auf den Bauer-Verlag. Die Münchener Bank und der norddeutsche Medienkonzern bildeten ein Konsortium und waren einer Übernahme nahe. Doch dann kam Saban. Die Commerzbank und sein jovialer Vorstand Wolfgang Hartmann hofften lange auf das Hollywood-Studio Columbia, doch auch diese Bietergemeinschaft scheiterte schließlich.

Unter dem größten Druck aber stand Werner Schmidt, Chef der Bayerischen Landesbank. Mehr als als zwei Milliarden Euro hatte die Staatsbank insgesamt an Kirch verliehen. Und Schmidt wollte möglichst viel von diesem Geld wiedersehen. Deshalb präsentierte er sich in den Verhandlungen als Hardliner. Für ihn ist der Fall aber nicht abgeschlossen. Er sitzt noch immer auf der teuren Formel-1-Beteiligung von Kirch.

Quelle: Handelsblatt

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