Profil: Mario Montis Vordenker

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Mario Montis Vordenker

Lars-Hendrik Röller weiß, was ein Neuling zu tun hat, der in der EU-Kommission sein Büro bezieht. Er stellt als Erstes die blaue Europafahne mit den zwölf Sternen auf. Die Requisite schmückt Tausende von Schreibtischen in Brüssel. Das Fähnlein zeigt schon auf den ersten Blick: Hier sitzt ein echter Europäer.

BRÜSSEL. Röller kam Anfang September nach Brüssel, als erster „Chefökonom“ von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Sein Büro im sechsten Stock der Generaldirektion Wettbewerb mag so schmucklos sein wie der Wartesaal eines deutschen Arbeitsamtes. Aber die Fahne steht. Willkommen im Club.

Kaum ist das Gespräch eröffnet, finden sich weitere Indizien für den ausgeprägten Integrationswillen des 45-Jährigen. Wenn der Professor für Volkswirtschaftslehre über seinen Arbeitgeber spricht, dann redet er gern in der ersten Person Plural. „Wir als Regulator“ müssten die Interessen des Verbrauchers im Auge haben, sagt er zum Beispiel. Das signalisiert: Ich bin jetzt ein Teil der großen Kommissionsfamilie.

Wie steht’s mit Heimweh nach Berlin und der Humboldt-Universität, wo Röller Industrieökonomie lehrte? Für solche Gefühle bleibt keine Zeit. Der Mann mit dem gemütlichen Vollbart hat schnell gelernt, dass man sich im Umfeld von Mario Monti den Ruf eines Aktenfressers zulegen muss. Zwölf Stunden pro Tag sind das Minimum. Götz Drautz, oberster Fusionsprüfer, und der Ex-Generaldirektor der Monti-Behörde, Alexander Schaub, erzählen gern, dass sie als Letzte das Licht ausmachen. Röller versichert, er nehme oft Dossiers mit nach Hause. Da sage noch einer, deutsche Tugenden seien nichts mehr wert bei den Brüsseler Kartellwächtern.

Der Berufung des Berliner Wissenschaftlers ging eine Serie von Niederlagen der Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof voraus. Gleich dreimal schrieben die Richter der Wettbewerbsbehörde ins Stammbuch, sie habe Fusionsverbote nicht ausreichend begründet oder falsche Schlussfolgerungen gezogen. Für die zuständige Abteilung, die sich eitel „Task Force“ nannte und bis dahin den Ruf einer Elitetruppe genossen hatte, brach eine Welt zusammen. Es war die Welt unangreifbarer Entscheidungen, in denen Sachbearbeiter auftraten wie Konzernchefs. Selbst Jack Welch, Ex-Herrscher über General Electric, musste in Brüssel um einen Termin bitten wie der Patient beim Zahnarzt. Monti löste die Spezialeinheit auf und stellte Röller ein. Er soll dafür sorgen, dass peinliche Patzer nicht mehr vorkommen. Ökonomische Theorie als Mittel gegen Fehlleistungen übereifriger Beamter – dafür scheint er wie kaum ein zweiter seiner Zunft geeignet zu sein.

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