Profil
Missionar und Macher

Hubert Schulte-Kemper, Gründer und Chef der Hypothekenbank in Essen, ist alles andere als ein Zauderer. Er setzt auf Geschwindigkeit.

ESSEN. Hubert Schulte-Kemper kommt gerne schnell auf den Punkt: „Wohnen Sie zur Miete? Was zahlen Sie für wie viel Quadratmeter?“ fragt der Vorstandsvorsitzende der Hypothekenbank in Essen sein Gegenüber nach einer Pressekonferenz. Und schon rechnet er aus, wie viel günstiger es doch wäre, eine Wohnung zu kaufen, statt zu mieten.

Dem großen Mann mit den kurzen weißen Haaren geht es nicht tatsächlich darum, en passant jemandem noch schnell einen Kredit für eine Eigentumswohnung zu verkaufen. Vielmehr geht es ihm um die Sache an sich. Denn Menschen, die – vermeintliche – Gelegenheiten nicht erkennen, kann der 57-Jährige nur schwer verstehen.

Er selbst ist alles andere als ein Zauderer. „Sehen, urteilen, handeln“ lautet sein Motto. So kam er auch darauf, eine Hypothekenbank zu gründen. Das war vor 17 Jahren, als er noch bei der Westfälischen Hypothekenbank in Dortmund arbeitete. „Wenn sich eine Hypothekenbank ausschließlich auf risikoarme Staatskredite spezialisiert, müsste es möglich sein, mit wenigen Mitarbeitern in kurzer Zeit ein profitables Geschäft aufzuziehen“, hatte er damals überlegt. Er wunderte sich, dass noch niemand darauf gekommen war.

Prompt entwarf er ein Konzept und legte es dem inzwischen über 80-jährigen Finanzinvestor Wolfgang Schuppli vor, der seine Beteiligungen (Immobiliengesellschaften, Versicherungen und WMF) abrunden wollte. Nur 20 Minuten brauchte Schulte-Kemper nach eigenen Angaben, um Schuppli zu überzeugen. Dann hatte er den Gründungsauftrag mit zugesagten 50 Millionen Mark Gründungskapital in der Tasche.

Wer Schulte-Kemper kennt, glaubt sofort, dass er den Unternehmer so schnell überzeugen konnte. Wenn der Banker einmal in Fahrt ist, spricht er schnell, ohne sich zu verhaspeln, sein leicht gebräuntes Gesicht rötet sich etwas, er gestikuliert und sieht sein Gegenüber direkt an. Und er überzeugt durch gute Argumente. In der Branche gilt Hubert Schulte-Kemper – genannt „HSK“ – als „jemand mit enormem Fachwissen und als brillanter Kopfrechner“, sagt Marco Bales, Leiter der Abteilung Kapitalmärkte bei der Hypo-Vereinsbank.

Schulte-Kempers Rechnung für das neue Kreditinstitut ging auf. Heute ist die Hypothekenbank in Essen – kurz Essen Hyp – mit einer Bilanzsumme von rund 71 Milliarden Euro die viertgrößte der 21 deutschen Hypo-Banken. Mit nur 130 Mitarbeitern und einer Eigenkapitalrendite von 14 Prozent nach Steuern ist sie wesentlich profitabler als die Konkurrenz. Vor drei Jahren hat der Vorstandschef das Geschäftsfeld von Staatskrediten auf Immobilienfinanzierungen erweitert. Der Erfolg lockt Konkurrenten an. Seit 1994 ist die Commerzbank mit 51 Prozent beteiligt, die Schuppli-Gruppe hält die restlichen Anteile.

Besonders stolz ist der Bankchef darauf, dass sich die Essen Hyp am Kapitalmarkt oft günstiger refinanzieren kann als die Konkurrenz. Dieser „Vertrauensbeweis der Investoren“ ist ihm wichtig. Denn „Ehrlichkeit und Vertrauen sollten die Grundlage jeder beruflichen Beziehung sein“, sagt der gläubige Katholik. Privat gelte das sowieso. Er sei ein „Familienmensch“, sagt er über sich selbst. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Von seinen Mitarbeitern fordert „HSK“ neben Ehrlichkeit harte Arbeit. Der Chef sei schon etwas anstrengend, heißt es in seinem Umfeld. Er greift selbst zum Telefon, wenn er etwas wissen will, und bleibt dann so lange am Apparat, bis er seine Information bekommt. Die kurzen Wege im Unternehmen sind ein Grund für die Effizienz der Bank. Das Betriebsklima scheint nicht darunter zu leiden. In den vergangenen drei Jahren haben weniger als zehn Mitarbeiter gekündigt.

Als nicht ganz einfach gilt es in Fachkreisen aber, anderer Meinung als „HSK“ zu sein. „Er liefert dann eine Vielzahl stichhaltiger Argumente, denen man sich schwer widersetzen kann. Außerdem kommt man manchmal nicht so ganz einfach zu Wort“, sagt Bales von der Hypo-Vereinsbank. Etwas missionarischen Eifer legt Schulte-Kemper auch sonst schon einmal an den Tag. Gerade trainiert er für das Deutsche Sportabzeichen. Wer es ihm gleichtun will, bekommt einen Tag frei. Das wollen aber nur wenige, musste er enttäuscht feststellen.

Der Mann, der – im Gegensatz zu manchem Bankchef – kein bisschen arrogant wirkt, ist im Ruhrgebiet fest verwurzelt. In seinem Büro hängt ein Foto des verstorbenen Kardinals Franz Hengsbach. Ihn verehrt der Banker besonders, weil Hengsbach als erster Ruhr-Bischof eine Identifikationsfigur für die Region war und die Menschen stolz auf ihre Heimat machte. Das will auch Schulte-Kemper, dem man den Ruhrgebietsakzent ganz leicht anmerkt. Deshalb gründete er die Hypo-Bank in Essen und nicht etwa in der Bankenmetropole Frankfurt.

Der Sohn eines Landwirts wohnt noch in seinem Geburtsort Marl. Dort ist er Vorsitzender des Heimatvereins, des CDU-Stadtverbands, und er ist Vorstandsmitglied des Fördervereins des renommierten Orchesters Philharmonia Hungarica. Wo er sich engagiert, mischt er eben am liebsten in leitender Funktion mit.

Auch den Initiativkreis Ruhrgebiet hat er mitgegründet. Der fördert kulturelle Projekte wie das Klassik-Festival Ruhr. Dabei gibt es auch mal Konzerte unter Tage, zum Beispiel im Bergwerk Auguste Victoria, bei dessen Gewerkschaft Schulte-Kemper eine kaufmännische Ausbildung machte. Erst später studierte er im Abendunterricht Betriebswirtschaft.

„Wer keine Ziele hat, kann auch keine erreichen“, dachte er schon damals. Auch das ist eine Botschaft, die der Missionar und Macher aus Marl gerne verkündet.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%