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Operation am offenen Herzen

Walter Raizner hat den schwersten Job im Telekom-Vorstand. Er muss den Niedergang der Festnetzsparte stoppen und sich gleichzeitig gegen Begehrlichkeiten im eigenen Hause wehren.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Es ist ein lauer Sommerabend. Walter Raizner hat vor der Funkausstellung zum Empfang in Berlin eingeladen. Bei einem Glas Bier herrscht entspannte Plauderstimmung. Als der Telekom-Vorstand in kleiner Runde über die Zukunft des Festnetzgeschäfts redet, rutscht ihm fast ein Wort heraus: „Sanierungsf . . .“ Aber im letzten Moment kriegt er noch die Kurve und spricht von „gewaltigen Herausforderungen“ und „dynamischen Marktentwicklungen“.

Der sportlich-schlanke Mann mit dem grauen Haar ist eben ein Profi. Er weiß, wie man bittere Wahrheiten in weniger schmerzlich klingende Worte kleidet. Denn Raizner hat den schwersten Job im gesamten Konzern: Sein Festnetzbereich T-Com, das einstige Herz der Telekom, leidet an verknöcherten Strukturen, zu vielen Mitarbeitern und einem Preisverfall bei den Telefonminuten. Die wendigere Konkurrenz jagt Raizner immer mehr Kunden ab – im vergangenen Jahr waren es jeden Monat mehr als 100 000. Ob es ihm inzwischen gelungen ist, die Talfahrt zu stoppen, wird sich auf der heutigen Bilanzpressekonferenz der Telekom zeigen. Seinen Job beschreibt er selbst als eine „Operation am offenen Herzen“.

Als Raizner im November 2004 in Bonn antritt, gibt es manchen Kritiker. Wie wird der ehemalige IBM-Deutschland-Chef damit klarkommen, Tausende Arbeitsplätze abzubauen, sich mit Gewerkschaften und der Regulierungsbehörde auseinander zu setzen? Wird es ihm gelingen, von den IBM-Geschäftskunden auf den Massenmarkt der Telekom-Privatkunden umzuschalten?

Der neue T-Com-Chef überstürzt zunächst nichts. „Raizner schaut sich viele Dinge an, analysiert und prüft, bevor er eine Entscheidung trifft“, sagt ein Telekom-Mitarbeiter. Doch einmal getroffene Entscheidungen setze er „mit Beharrlichkeit“ um. Damit macht er sich nicht nur Freunde. „Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn“, sagt ein anderer.

Vier Monate nach seinem Start bei der Telekom verkündet Raizner die erste große Entscheidung: das Projekt „Re-Invent“. Er will die Zentrale umbauen und unter anderem die Zahl der Produkte für Privatkunden um 70 Prozent zusammenstreichen. Um seine Mitarbeiter dafür zu begeistern, tingelt er wochenlang durch die Republik, besucht Call-Center und T-Punkt-Filialen.

Mitarbeiter erleben ihn als höflichen, aber eher distanzierten Menschen – ein Typ, dem man auch beim Bier nicht kumpelhaft auf die Schulter klopfen würde. Aber im Unterschied zu anderen Top-Managern ist er angenehm uneitel. Mit dem 51-Jährigen kann man auch mal über andere Dinge reden als über Arbeit, zum Beispiel über seinen nächsten Marathon oder die nächste Klettertour in den Alpen.

Doch dafür dürfte ihm in den vergangenen Monaten nicht viel Zeit geblieben sein. Ende 2005 schockt die Telekom die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, sie werde in den kommenden drei Jahren 32 000 Stellen streichen. Davon entfallen allein 20 000 auf die Raizner-Mannen – also jeder vierte seiner Mitarbeiter in Deutschland ist betroffen.

Das ist schwierig: 80 Prozent sind entweder Beamte oder durch lange Dienstzugehörigkeit unkündbar. Darüber hinaus schützt eine Vereinbarung mit den Gewerkschaften bis 2008 ohnehin alle Mitarbeiter. Raizner versucht deshalb, seine Leute mit großzügigen Abfindungen oder Vorruhestandsregelungen zu ködern – natürlich nicht ohne den Protest von Mitarbeitern und Gewerkschaften, die bereits zu mehreren tausend auf die Straße gegangen sind.

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