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RAF, Wespen und leere Räume

Julia Stoschek ist erst 29 Jahre alt. Sie fördert junge Künstler, sammelt Videos und Fotoarbeiten und plant einen Kunstsalon in Berlin.

In einem marmornen Fahrstuhl bringt der Doorman den Besucher auf die 15. Etage des Büroturms. Nirgends gleicht Berlin so sehr New York wie hier im nagelneuen Beisheim-Center am Potsdamer Platz. Eine wunderbare Aussicht erwartet einen – und eine junge Frau in engen Jeans, flottem T-Shirt und Stiletto-Sandalen, die rasch die Führung übernimmt. „Guten Tag, ich bin Julia Stoschek. Lassen Sie uns doch zuerst einen Blick auf die Stadt werfen!“

Vor einem Dreivierteljahr hat die Unternehmensgruppe Brose aus Coburg die gesamte Etage des weitgehend noch leer stehenden Bürohauses als Berliner Repräsentanz erworben. In den elegant möblierten, weitläufigen Räumen mit dem Panoramablick auf die Hauptstadt lässt sich ohne Zweifel wunderbar konferieren.

Doch Julia Stoschek hat anderes vor. Die Urenkelin des Firmengründers Max Brose, Tochter von Michael Stoschek, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung des Autozulieferers, und Gesellschafterin des Familienunternehmens hat die Hälfte der Etage für sich angemietet. Da verkündet zwar schon ein Schild „Sammlung Julia Stoschek“. Aber ihre Räume stehen noch leer. Die Kunst hingegen gibt es schon. Seit zwei Jahren erwirbt die in Düsseldorf lebende Wahl-Berlinerin zielstrebig aktuelle Kunstwerke. Und ab Oktober möchte sie in diesen Räumen regelmäßig einen Kunstsalon für ein ausgewähltes Publikum veranstalten.

„Mich fasziniert die Idee der alten Berliner Salons“, beginnt die 29-Jährige zu erzählen. „Schon vor 200 Jahren stand die Kunst und der intellektuelle Austausch über Kunst im Mittelpunkt.“ Und genau das hat sie vier bis fünf Mal im Jahr vor: ausgewählte Werke aus ihrer derzeit rund 70 Arbeiten umfassenden Sammlung zeigen, dazu Drinks reichen und mit den Besuchern ins Gespräch kommen.

Denn Kunst ist für die junge Sammlerin in erster Linie etwas, was Auseinandersetzung erfordert. Seitdem sie im Herbst 2002 auf dem Art Forum Berlin ihre erste Arbeit „Mon ombre est un mur“ des Spaniers Pep Agut erworben hat, sucht sie gezielt den Kontakt zu Künstlern. Neugierig geht sie in Ateliers und ergründet in langen Gesprächen die hinter den Werken stehenden Ideen. Das fasziniert die Miterbin des Lieferanten von Teilen für Autositze und -türen mit einem Umsatz von rund zwei Milliarden Euro so sehr, dass sie sich nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium ganz der Kunst verschrieben hat.

Sie sammelt in erster Linie Kunst ihrer eigenen Generation. In der dominieren die neuen Medien, und darum besteht ihre Sammlung bislang vor allem aus Videos, Fotoarbeiten und Installationen. So zeigt sie mit zwei eigens für das Interview aufgestellten Videobeamern die Videoinstallation „Mary's Cherries“. Sie stammt von der israelischen, in New York lebenden Künstlerin Mika Rottenberg, die Julia Stoschek im New Yorker Kunstzentrum PS1 kennen gelernt hat.

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