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Rhythm and Return

Früher hat Klaus-Peter Schulenberg selbst musiziert. Dann managte er Schlagerstars und Popsternchen. Heute lässt er spielen – und verdient mit dem Kartenverkauf Millionen.

MÜNCHEN. Im Mittelteil seines Opus 100 nimmt Franz Schubert seine Hörer mit auf eine Tour ins harmonisch derart Ungewisse, dass auch Kundigen die Orientierung abhanden kommt, harmonisch versteht sich.

An Tagen wie dem gestrigen, wenn die Firma CTS Eventim wieder einmal Rekordzahlen vorlegt nach einem außergewöhnlichen Quartal, gönnt sich Klaus-Peter Schulenberg bevorzugt gerade dieses romantische Klaviertrio. Schubert, das ist eine seiner großen Leidenschaften, für Liebhaber eine Reise ins musikalisch Offene und damit ein Kontrapunkt zum profanen Alltag des Geldverdienens. Im Geschäft ist es nämlich genau andersherum. Wenn Schulenberg dort etwas gar nicht mag, dann das Verweilen im Ungewissen.

54 Jahre alt ist der Mann aus Bremen, derzeit dürfte es im Lande keinen geben, der mit Musik und allem was dazugehört so viel Umsatz macht wie er. Im Sommer hat sein Unternehmen die Rolling-Stones-Tour organisiert, Robbie Williams läuft über seine Tickets, bald ist Genesis an der Reihe. All das hat natürlich auch etwas mit Kunst zu tun, für Schulenberg aber ist es vor allem eine Frage der Kalkulation. Und da hat der Mann, dessen Karriere von der Blockflöte zum Keyboard und dann erst zum eigentlichen Geschäft führte, einen ziemlich ausgeprägten Sinn für die Antwort auf die entscheidende Frage auch im Musikgeschäft: Rechnet sich das?

„Wichtig ist das Gefühl, da zähle ich schon auf meinen Bauch“, sagt der Unternehmer aus Bremen und lächelt, weil er sich damit fast einen Witz auf eigene Kosten gönnt. Er isst gerne und gut, das sieht man ihm auch an. Gummibärchen, das ist neben Schubert eine seiner großen Leidenschaften. Dass er eitel sei, wird ihm daher auch sein größter Widersacher nicht nachsagen, dass er in geschäftlichen Dingen penibel ist, das hingegen schon. Anders wäre seine Story wohl auch nicht zu erklären.

Vor 35 Jahren war Klaus-Peter Schulenberg 19 Jahre alt und ein mittelmäßiger Rockmusiker. Als deutlich besser entwickelt galt damals schon sein geschäftliches Talent, als Organisator bescheidener regionaler Konzertereignisse hatte er sich einen Namen gemacht. Auf einem derartigen Event im schönen Minden stand damals ein Junge auf der Bühne, von dem er noch heute sagt, dass er eine so sanfte Stimme selten gehört hat.

Schulenberg reagierte sofort. Er bot dem jungen Mann 1971 einen Plattenvertrag für vier Jahre mit einer Garantiesumme von 30 000 Mark im Monat. Der junge Mann glaubte seinen Ohren nicht und unterschrieb. Die erste Platte, die die beiden machten, hieß „Der Junge mit der Mundharmonika“ und wurde ein Megahit. Der Junge hieß Bernd Clüver, er hat sich danach oft genug über seinen Vertrag geärgert. Schulenberg seinerseits wusste spätestens vier Jahre später, dass er nicht länger Manager eines Schlagersängers sein wollte.

Die Geschichte ist schon lange her, sie klingt auch fast zu schön, um wahr zu sein, in jedem Fall hatte Schulenberg seither das nötige Kapital, um noch ganz andere Dinge zu tun. Er gründet eine eigene Firma, der er den Namen KPS gibt. 1977 holt er die Rolling Stones nach Bremen, und dann geht es immer weiter: Er eröffnet ein neues Geschäft, kauft im Raum Bremen zwei Anzeigenblätter und wird Verleger, er managt Boney M, die Band, die gar nicht singen kann. 1996 dann das nächste große Kapitel: Er übernimmt aus dem Besitz der Musikagentur Hoffmann Lieberberg den Ticketvermarkter CTS. Das ist damals ein Sanierungsfall und damit genau das Richtige für den Arbeiter Schulenberg. Er organisiert und restrukturiert, vor allem aber entdeckt er das Internet.

„Das war damals technisch ein sehr schwieriger Beginn“, erinnert er sich. Es fehlen die Datenbanken und Server, um mit dem plötzlichen Spitzenaufkommen an Datenverkehr, wie er für Ticketvermarkter üblich ist, klarzukommen. Schulenberg lässt eigene Programme entwickeln, 80 seiner 650 Mitarbeiter betreuen und entwickeln bis heute Software.

Inzwischen ist CTS Eventim Marktführer im Internet-Ticketing in Europa, im abgelaufenen Quartal waren es 3,1 Millionen oder fast jede dritte Eintrittskarte, ein Plus von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gerade die Wachstumsraten im Geschäft über das Netz sind enorm. „Verglichen mit dem Verkauf über Filialen ist der Wertschöpfungsfaktor zudem sechsmal höher“, sagt Schulenberg.

Doch der Ticketverkauf ist nicht der einzige Wachstumstreiber. CTS-Eventim hat sich Stück für Stück an den sechs führenden deutschen Konzertveranstaltern mehrheitlich beteiligt, so deckt das Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette im Geschäft mit Live-Unterhaltung ab.

Sein Rhythmusgefühl ist Schulenberg auch geschäftlich behilflich: Im Jahr 2000 hat er CTS an die Börse gebraucht, auf dem Höhepunkt der Interneteuphorie. Er selbst hält 50,7 Prozent des Unternehmens, 44 Prozent sind im Streubesitz. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang mehr als verdoppelt.

Der letzte Kick fürs Geschäft kommt dann im August 2004. CTS erhält den Zuschlag für den Verkauf der WM-Tickets. Ökonomisch ist der Auftrag nicht eben bedeutend – ein Volumen von gut 30 Millionen Euro. Risiko und Chancen aber sind gewaltig. CTS organisiert im Internet virtuelle Warteräume, die über 15 000 Server weltweit laufen. Die Kunden spüren nichts davon, der reibungslose Ticketverkauf wird für Schulenberg auch persönlich ein Erfolgserlebnis.

Auf den ersten Blick eine ruhige Erscheinung, ist der Bremer auf der Arbeit ein Beweger. Er hasst Pausen. In seiner Firma ist daher Umbau angesagt, ein „Effizienzprogramm“ ist unterwegs. „Es wäre schlimm, wenn die Mitarbeiter nach dem Großevent WM in ein Loch gefallen wären“, sagt Schulenberg. Daneben strebt er ins Ausland, in der Schweiz hat er 2006 einen Ticketvermarkter und einen Veranstalter übernommen. Käufe in Spanien und Italien sollen folgen.

Molto allegro, so geht es voran, über die, die dabei nicht mit konnten, redet Schulenberg nicht. Hat er in all den Jahren nie einen Fehler gemacht, hat sein Bauchgefühl ihn nie getäuscht? Doch, sagt er, ein Mal. Es war der „Ball der deutschen Schallplatte“ im Jahr 1976. Alle seien überzeugt gewesen, dass das der Hit werde, mit Dieter Thomas Heck und so. Dann sei keiner gekommen. „Wir haben gnadenlos Verlust gemacht.“

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