Profil: Schreier ist ein selbstbewusster Vorstand
Tabubrecher wider Willen

Nur kurz zögert der Mann auf dem Podium. Dann sagt Bernhard Schreier mit fester Stimme: „Alle, wir werden alle Bereiche auf den Prüfstand stellen.“ Wenige Meter neben dem Chef der Heidelberger Druckmaschinen rutschen die Presseverantwortlichen unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Sie ahnen die Schlagzeilen des folgenden Tages. Geplant war diese Aussage offensichtlich nicht.

FRANKFURT. Die Szene, beobachtet vor wenigen Tagen auf der Bilanzpressekonferenz von Heidelberg, ist für Schreier bezeichnend. Nach fast vier Jahren an der Spitze des weltweit größten Druckmaschinen-Herstellers ist aus dem zurückhaltenden, ja fast schon ein wenig schüchtern wirkenden Manager ein selbstbewusster Vorstandschef geworden. Mittlerweile plaudert der 49-Jährige locker drauflos, kommentiert sein kurpfälzisch eingefärbtes Englisch scherzhaft – „Sprachen waren nie meine Leidenschaft“ – und fällt Kollegen, die sich allzu stark in den Vordergrund drängen, auch schon mal ins Wort

.

„Es gibt keine Zweifel mehr, wer die Nummer eins ist“, beschreibt ein hochrangiger Manager die Situation. Das war nicht immer so. Als Schreier im Oktober 1999 antrat, gab es schon bald Spekulationen darüber, wie lange sich der in der Öffentlichkeit kaum bekannte Manager an der Spitze des Konzerns halten würde. Aber je größer die Krise wurde, desto sicherer trat der vermeintlich schwache Chef auf.

Heute ist er mehr denn je auf seine Autorität angewiesen. Schreier hat mit Problemen zu kämpfen, die für das erfolgsverwöhnte Unternehmen neu sind. Da ist die bislang größte Krise in der Druckbranche. Sie trifft die Nummer eins besonders hart. Das vergangene Geschäftsjahr war rot, das laufende wird es wahrscheinlich auch; ein Novum in der 150-jährigen Firmengeschichte.

Jetzt stellt Schreier die Diversifikations-Strategie seines Vorgängers, des heutigen Bahnchefs Hartmut Mehdorn, in Frage, die er zuvor stets unterstützt hat. Ob das Unternehmen weiterhin alle Komponenten in Eigenregie produzieren wird, ist offen. Partnerschaften sind möglich. Zunächst will Schreier aber mit harten Einschnitten – 3 200 der 25 000 Stellen werden abgebaut – die Rendite verbessern. Für die Mitarbeiter sind das ungewohnte Töne, war bei Heidelberg doch Stellenabbau tabu. „Seit mehr als einem Jahr reden wir über nichts anderes als Personalabbau, Standortverlagerungen und Werksschließungen. Das ist ein Kulturschock“, berichtet ein Mitarbeiter.

Dass ausgerechnet er die Rolle des Tabubrechers und Sanierers übernehmen muss, dürfte Schreier nicht gefallen. Er ist mit dem Druckmaschinenhersteller eng verbunden. 1954 in Heidelberg geboren, hat der gelernte Maschinenbau-Ingenieur nie bei einer anderen Firma gearbeitet. Schon sein Vater und Großvater „schafften“ dort. Jahrelang saß Schreier im Montagewerk Wiesloch in leitender Position. Nun musste er dort Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, von denen er viele persönlich kennt; für den eher auf Konsens bedachten Manager eine schwere Entscheidung.

Noch dazu mag es der Golfspieler und Familienvater dreier Kinder lieber ruhig. Auch deshalb und wegen seiner teilweise steifen und häufig ungelenk wirkenden Auftritte in der Öffentlichkeit waren die verstärkten Zweifel an seinen Führungsfähigkeiten aufgekommen.

Aber er bringt neben seiner langen Erfahrung in der Druckbranche zwei Eigenschaften mit, die ihm in der Krise helfen, unbequeme Entscheidungen durchzusetzen: Er gilt als guter Zuhörer und nüchterner Analytiker. „Er ist derjenige im Vorstand, der die Sanierungspläne am vehementesten vorantreibt. Es gibt durchaus Kollegen, die stärker an ihren Besitzständen hängen“, berichtet ein Insider aus Sitzungen des Vorstands.

Schreier hat auch keine andere Wahl. Er muss sich dem Druck der Aktionäre beugen. Krisenbewältigung unter den kritischen Augen von Investoren – auch das ist für den erst seit Ende 1997 börsennotierten Konzern eine neue Erfahrung. Einer schaut besonders genau hin: Harry Roels, Chef des Versorgungsriesen RWE. Er hält die Hälfte der Heidelberg-Aktien, würde das Paket aber lieber heute als morgen abstoßen. „Mit dem klaren Verkaufsstatement eines Großaktionärs im Rücken fällt die Arbeit nicht gerade leichter“, merkt ein Kollege Schreiers an.

Und ob Roels mit der Leistung des Heidelberg-Chefs zufrieden ist, weiß niemand. Im kommenden Jahr läuft Schreiers Vertrag aus. Sicherlich spricht zurzeit vieles dafür, dass er den Konzern weiter führen wird. Aber sicher kann er sich nicht sein – auch wenn er, wie letzte Woche angekündigt, „alle, alle Bereiche auf den Prüfstand stellt“.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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