Profil: Shahrzad Esfarjani ist Chefin der erfolgreichsten Werbeagentur im Iran
„Der Frosch sagt uns, dass es besser wird“

Der Stress beginnt, wenn Shahrzad Esfarjani das Flugzeug in Teheran verlassen muss: Die Gepäckkontrolle vor dem Ausgang zum Trubel der Metropole – die Revolutionsgarden durchwühlen die Koffer nach verbotenen Waren. Alkohol, Kassetten, Illustrierte oder Bücher. Wer auffliegt, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

TEHERAN. Die junge Frau hat sich „ihre Ware“ unter den Mantel geklemmt: Bücher über Werbung, die neueste Chanel-Kampagne, die aktuelle Absolut-Vodka-Tour. Bücher mit leicht bekleideten Frauen und hochprozentigen Klaren sind im Iran eine verbotene Lektüre. Doch für Esfarjani die einzige Chance, etwas über moderne Werbung und Marketing zu lernen. Das war vor zehn Jahren.

„Für mich waren das teure Schätze“, sagt sie lachend. Heute zählt sie zu den wenigen Unternehmerinnen im Iran. Ihr Selbst-Studium hat sich für die Grafikerin ausgezahlt: Mit 41 Jahren ist sie Chefin von Daarvag, der erfolgreichsten Werbeagentur des Landes. Und obendrein die einzige Frau, die es in der Branche so weit gebracht hat. Bücher schmuggeln muss sie heute nicht mehr. Schließlich gibt es das Internet. Und die „grüne Linie“ bei der Passkontrolle. Wer nichts zu verzollen hat, geht einfach durch das grün-markierte Tor.

Grün trägt auch das Logo von Daarvag: ein Frosch. Für Esfarjani ein ganz persönliches Symbol. Nicht nur ihr Teheraner Büro ist bevölkert von Fröschen unterschiedlichster Machart, der Frosch-Fimmel fällt auch in ihrer Privatwohnung im Norden der Hauptstadt ins Auge.

Im von Wüstenklima geprägten Iran gilt die Amphibie als ein Symbol von Weisheit, als ein Zeichen dafür, dass Regen kommt. „Der Frosch sagt uns, dass es besser wird“, erklärt sie. Daran hat sie immer geglaubt. Und tatsächlich: Es hat sich seit der Revolution einiges bewegt, für die Frauen im Iran – und die Werbung. Als sie vor mehr als zehn Jahren begann, durfte in der iranischen Fernsehwerbung noch nicht einmal eine nackte Hand zu sehen sein. Heute laufen auf den Kanälen Clips, die, abgesehen von den verhüllten weiblichen Familienmitgliedern, einem Jacobs Krönung-Spot in nichts nachstehen. Die Städte sind mit Billboards gepflastert. Werbekampagnen müssen zwar mit dem Informationsministerium abgesprochen werden. Doch die Zügel sind merklich gelockert worden. Shahrzad Esfarjani jedenfalls hat immer wieder an ihnen gezogen. Wie viele Kampagnen sie auf Anweisung des Informationsministeriums einstellen musste, kann sie kaum zählen. Die Kosten dafür musste sie selbstverständlich selbst tragen. Mehr als einmal drohten die Behörden, die Agentur ganz zu schließen. Regelmäßig kontrollierten die Revolutionswächter, ob unverheiratete Männer und Frauen in einem Büroraum zusammen arbeiten. Der Kampf mit der Obrigkeit, die Schikanen der Machthaber und Zensoren haben die Agenturchefin „cool gemacht“. Und: Das ständige Testen von Grenzen macht auch Spaß.

Über das Erstaunen ihrer meist männlichen Geschäftspartner aus dem Westen, eine Frau am Verhandlungstisch vorzufinden, muss sie lachen: „Und Sie sind die verehrte Gemahlin?“ ist die Standardreaktion, wenn sie gemeinsam mit ihrem Partner auftritt. „Dabei bin ich der Managing Director“, sagt sie ein wenig verlegen. Ihr Ehemann ist in einer vollkommen anderen Branche tätig: Er ist Komponist.

Die kleine Frau steht beständig unter Strom: Wenn sie nicht arbeitet, engagiert sie sich in einem privaten Verein, der Frauen den Weg in den Beruf ebnen will. Auch heute, da die Hälfte der rund 1,5 Millionen iranischen Studenten weiblich ist, sind sie im Job benachteiligt. Esfarjani hat es oft am eigenen Leib erfahren. Vor einem Jahr mobbten sie männliche Kollegen von ihrer Dozentenstelle an einer Teheraner Universität. Sie hat nicht lange überlegt, sondern ihre Studenten in Sachen Werbung einfach privat weiterunterrichtet. Ihre Beharrlichkeit siegte: Ab dem nächsten Semester kann sie wieder an die Uni.

Vor kurzem ist einer ihrer Träume in Erfüllung gegangen: Die großen Agenturen beginnen sich für den Iran zu interessieren. Low und Partner, Ogilvy and Mather sind auf Shahrzads Agentur gestoßen, wollen Kooperationen. „Wir sind im internationalen Geschäft angekommen“, freuen sich die Mitarbeiter. Und wenn sich die großen Agenturen für den Iran interessieren, heißt das auch, dass ihre Kunden nicht weit sind.

Einige sind mit Esfarjanis tatkräftiger Hilfe schon da wie Apple oder Ericsson. Viele West-Marken kommen in der Islamischen Republik aber schnell ins Schwimmen. So versuchte zum Beispiel Coca-Cola bereits vor sechs Jahren den Markteintritt in bewährter Manier mit einem Großangriff auf die Billboards, brachte Cola-Trucks in die Städte und organisierte jede Menge Events. Da kam die Quittung prompt. Den Hardlinern ging das Nebeneinander von Plakaten, die Märtyrer preisen, und solchen, die zum Genuss des Getränks des Staatsfeinds Nr. 1 auffordern, zu weit. Coca-Cola musste wieder einpacken.

Die Herren des dunklen Bitzelwassers haben jetzt einen Gang runtergeschaltet und versuchen es mit Understatement. Keine Plakate, keine Trucks, lediglich dem Coca-Cola-Logo wurde ein kleiner Zusatz verpasst, der es sonst nirgendwo ziert: „Original“ – um es gegen die persische Cola-Limo abzugrenzen. Shahrzad Esfarjani glaubt fest daran, dass die großen Namen Sie brauchen werden, wenn sie in den Iran wollen: „Wir haben uns das Know-how aufgebaut, wie man in einem islamischen Land Werbung macht.“ Regelmäßig jettet sie nach Asien oder Europa oder nach Dubai. „Doch dort leben möchte ich nicht“, sagt sie kategorisch. „Ich kann noch viel für mein Land tun.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%