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Verrückt nach roten Herzen

Die Spanierin Ágatha Ruiz de la Prada sorgt mit ihren bunten Kreationen in der Modebranche für Wirbel.

MADRID. Willkommen im Haus der Verrückten. Junge Frauen laufen hektisch in quietschgelben oder grasgrünen Röcken umher. Die Stühle des Modestudios im schicken Madrider Stadtteil Chamberí sind bunt mit Stoff bezogen, die Arbeitstische mit grellpinkem Filz. Die Chefin Ágatha Ruiz de la Prada trägt eine geblümte rosarote Rockhose und ein weißes T-Shirt mit ihrem Markenzeichen: einem knallroten Herzen. Und um das Farbenspiel noch zu steigern, kommt sie in rosa Söckchen und flachen, grün-weiß gepunkteten Schuhen daher.

Die Mode der 43-Jährigen, die eigentlich Malerin werden wollte, ist wohl das Ungewöhnlichste und Herzerfrischendste, was Spanien derzeit in der Textilbranche zu bieten hat. Die Designerin mit dem kupferrot gefärbten, leicht strubbeligen Haar liebt alle Farben außer Schwarz. Sie malt gelbe Herzen, blaue Blumen und grüne Sterne auf T-Shirts und Kleider. Inzwischen entwirft sie auch das Design für Waschmaschinen, Schreibwaren, Tapeten, Parfüm und Uhren.

Für viele Ausländer ist sie der Inbegriff südländischer Lebensfreude, auch ein Grund, warum ihre Kollektionen mittlerweile in Mailand, Paris und Berlin fast mehr gefragt sind als in Spanien, wo Jung und Alt eher auf schlichte Eleganz stehen. Sie entwirft ihre Kleidung mit einem kleinen Team nicht für eine feine Schar betuchter Kunden wie manche Konkurrenten. „Ich mache lieber Geld mit Menge als mit Exklusivität“, stellt sie unmissverständlich fest. Deshalb gibt es Ágatha überall – im Kaufhaus und im Kiosk an der Ecke, wo von ihr gestaltete Schreibwaren zu haben sind.

Aber ihren Sinn für die breite Vermarktung hatte sie nicht immer. Sie war mal ebenso avantgardistisch wie mancher in der Modeszene, kam aber dann in finanzielle Schwierigkeiten. Ende der achtziger Jahre saß sie auf einem Haufen Schulden. Da habe sie erkannt, dass eine gute Portion Kommerz gut fürs Überleben sei, lautet ihre Erkenntnis.

Heute ist ihr Name eine der bekanntesten spanischen Mode-Marken. Ihre Unabhängigkeit hat sie sich bewahrt. Sie verkauft vor allem in Spanien, Portugal, Frankreich und Italien und bald auch im Nahen Osten: „Die Araber lieben mein Zeug.“ Sie ist davon überzeugt, dass ihre Designmotive „Glück bringen“. Auch nach Deutschland will sie unbedingt. Das verkündet sie voller Enthusiasmus, während sie von ihrem Hocker aufspringt und zum Fenster eilt, weil irgendein fernes Geräusch sie stört. Und schon ist die nervös wirkende Frau, die das Gespräch immer wieder für Rückfragen unterbricht, zurück an ihrem Platz.

Und wie hoch ist ihr Umsatz? Diese Frage reicht sie gleich an ihren Geschäftsführer Fernando Aguirre weiter. Auch der ist bei diesem Thema nicht besonders gesprächig und genau. „Mehrere Hundert Millionen Euro im Jahr sind es wohl“, behauptet er.

In der Branche wird Ágatha nicht in einem Atemzug mit großen Designern genannt, weil ihre Entwürfe zwar ausgefallen sind, aber wenig Eleganz, Luxus oder Glamour besitzen. Eine ehemalige Chefredakteurin der spanischen Modezeitschrift Telva, die nicht mit Namen genannt werden will, hält Ágatha für ziemlich „schräg und verrückt“ und „sehr kommerziell“. Auch unter deutschen Modejournalisten gibt es kritische Stimmen. Ihr Design wiederhole sich und sei doch eher auf Kinder zugeschnitten, heißt es.

Die überzeugte Umweltschützerin und Grünen-Politikerin ficht das nicht an. Sie lässt sich lieber immer wieder Neues einfallen, um sich und ihre Mode zu präsentieren. Einmal organisierte sie eine Modenschau im Wohnzimmer ihrer Großmutter, einmal unter dem verwegenen Motto „Ágatha for President“. Ihr gefällt es, in Rollen zu schlüpfen. Viele ihrer Kleider gleichen Kostümen – einer Tomate oder einem Herzen.

In den neunziger Jahren organisierte sie in ihrem Madrider Studio die „Donnerstage der Ágatha“. Da ging es manchmal zu wie auf einem Kindergeburtstag. Alle Gäste sprangen in Kostümen herum. Und sie stand als Regisseurin im Mittelpunkt des Spektakels. „Die Menschen sollten sich öfters verkleiden“, sagt sie. „So vieles im Leben hat theatralischen Charakter.“

Auch ihr eigenes Leben. Sie wohnt in Madrid und Paris. Ruhige Tage verbringt sie am liebsten auf ihrer Finca auf Mallorca, die neben der Villa von Ex-Lufthansa-Chef Jürgen Weber liegt. Ihre Kinder Cósima, 12, und Tristán, 16, gehen in England auf ein Internat und lernen dort auch Deutsch. Ihr Mann, Pedro J. Ramírez, ist Gründer und Chefredakteur von „El Mundo“, der konservativen, zweitgrößten Tageszeitung Spaniens.

Wenn beide zu einem feierlichen Anlass geladen sind, dann hüllt sie sich in auffällige Kostüme und spielt ihren Part: die verrückte Ágatha. Er kommt im klassischen, feinen Anzug und scheint sich neben dieser nie erwachsen gewordenen und kreativen Frau sichtlich wohl zu fühlen. Die Ehe scheint zu funktionieren: In den Klatschspalten tauchen sie, obwohl sie beide im Mittelpunkt des Gesellschaftsleben stehen, zumindest nicht auf. „Mein Erfolgsrezept“, verrät sie: „Nicht zu viel Nähe.“

Freunde bewundern ihre Kraft und Ausdauer. Und warten auf die nächste verrückte Idee der Modedesignerin

Quelle: Handelsblatt

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