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Vom treuen Diener zum neuen König

Der Journalist ist überrumpelt. „Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben“, bedankt sich Charles Prince, der Chef der Citigroup, am Ende des Telefoninterviews vor einigen Wochen. Wie bitte? Der Chef der weltgrößten Bank, der kaum Interviews gibt, bedankt sich beim Fragensteller?

Doch. Stimmt. Und es ist typisch für den Mann, denn alle Chuck nennen. Prince ist ein Mann der leisen Töne und zupackenden Handlungen. Mit seinem zurückhaltenden Auftreten stand er lange im Schatten von Sanford „Sandy“ Weill, dem poltrigen Citigroup-Gründer und heutigen Aufsichtsratschef.

Doch Prince hat längst das Ruder übernommen. „Einige Leute zweifelten anfangs an seiner Führungsstärke, aber ich halte Prince für völlig unterschätzt“, sagt Analyst Guy Mozkowski von der Investmentbank Merrill Lynch.

Seit seinem Amtsantritt im Herbst 2003 hat der 55-Jährige die Citigroup auf ihre Stärken fokussiert und eine Reihe von Skandalen bereinigt. Gestern beendete die britische Finanzaufsicht FSA Ermittlungen wegen eines aggressiven Anleihegeschäfts, mit dem Citigroup die europäischen Märkte durcheinander wirbelte. Der Finanzkonzern zahlt 13,9 Millionen Pfund und zieht einen Schlussstrich unter die Affäre. Und auch bei den spektakulären Pleiten von Enron und Worldcom ließ sich die Citigroup schneller als andere auf Vergleiche ein.

„Er setzte sich früher an den Ver-handlungstisch, und diese Strategie erwies sich als weitsichtig“, sagt Klägeranwalt John Coffey. Er vertrat Gläubiger des Telekomkonzerns Worldcom, der jahrelang seine Bilanz fälschte. Coffey rang Citigroup, der Hausbank Worldcoms, eine Vergleichszahlung von 2,57 Milliarden Dollar ab. „Hätte Citigroup sich wie andere Banken stur gestellt, wäre der Schaden viel höher ausgefallen“, meint der Anwalt.

Am Freitag verkaufte die New Yorker Großbank ihr Fondsgeschäft, in dem sie auf globaler Ebene nur eine Nebenrolle spielte. Damit verschwand eines der letzten Überbleibsel aus jener Zeit, da Citigroup in jeder einzelnen Disziplin der Finanzwelt mitspielen wollte. Der Schritt besiegelte die Abkehr von Weills Vision eines globalen Finanzsupermarkts.

Indes sind Citigroups Probleme keineswegs alle gelöst: Die US-Bankenaufsicht verbot dem Unternehmen kürzlich vorerst große Übernahmen, bis das globale Geldimperium wirksame interne Kontrollen nachweist. Japans Finanzaufseher schlossen Citigroups dortige Privatbank wegen Geldwäsche – eine peinliche und teure Blamage.

Der breitschultrige Hüne Prince reagierte auf die Skandalserie mit einer ehrgeizigen Ethik-Kampagne: Er will die konfliktbeladene Bank zum Branchenvorbild in puncto In-tegrität machen. Nun muss jeder der 300 000 Citigroup-Mitarbeiter ein Ethiktraining absolvieren, und die interne Kontrollstelle untersteht direkt Prince. Beides sind Neuheiten im Finanzsektor.

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