Provera tritt nach Protesten über neue Strategie zurück
Wechsel an der Spitze von Telecom Italia

Nach den Protesten über die geplante Umstrukturierung des Unternehmens ist der Präsident von Telecom Italia, Marco Tronchetti Provera, am Freitag Abend überraschend zurückgetreten. An seine Stelle tritt der ehemalige Chef der Börsenaufsicht Consob, Guido Rossi, der Telecom Italia 1997 bei der Privatisierung begleitet hat. Riccardo Ruggiero bleibt als Vorstandsvorsitzender in seinem Amt und wird vor allem für das operative Geschäft verantwortlich sein.

MAILAND. Mit dem Wechsel an der Spitze reagiert Telecom Italia zum einen auf die Kritik an der geplanten Neuaufstellung des Unternehmens. Erst am Montag Abend hatte Tronchetti Provera verkündet, Mobilfunk und Festnetz als Töchter auszugliedern und in Zukunft verstärkt auf Medien via Internet zu setzen und somit die bisherige Strategie der Konvergenz aus Mobilfunk und Festnetz aufzugeben. Zum anderen reagiert das Management damit auf die Polemik zwischen Tronchetti Provera und der italienischen Regierung, die immer weitere Kreise zieht und die Investoren verunsichert.

Für Tronchetti Provera ist der Abschied ein drastischer Schritt. Der Manager, der auch an der Spitze des Reifenkonzerns Pirelli steht, hatte Telecom Italia erst vor fünf Jahren mit Hilfe einer komplizierten Holding-Konstruktion übernommen. Dank der Holding Olimpia, an der Pirelli 70 Prozent hält, kontrolliert Pirelli heute mit nur 18 Prozent Telecom Italia. In seiner Funktion als Präsident hat Tronchetti Provera die Strategie von Telecom Italia maßgeblich bestimmt.

Beobachter kritisieren, dass Tronchetti Provera mit der Neuaufstellung der Firma vor allem seine eigenen Interessen als Aktionär vertritt. Denn Pirellis Investment in Telecom Italia ist angesichts des sinkenden Aktienkurses nur noch die Hälfte wert. Da Medienkonzerne an den Börsen höher bewertet werden als Telekom-Unternehmen könnte die Neuaufstellung als Medienkonzern dem Aktienkurs von Telecom Italia helfen und somit auch der finanziellen Lage von Pirelli. Beobachter rechnen zudem im Falle des Verkaufs des Mobilfunkgeschäfts mit einer fetten Dividende, mit der Pirelli seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann. Vor allem muss Pirelli Minderheitsaktionäre von Olimpia auszahlen.

Ausschlaggebend für den Rücktritt ist aber auch das zerrüttete Verhältnis zwischen Tronchetti Provera und der Regierung unter Romano Prodi. Regierungsvertreter sind besorgt, dass mit der Mobilfunktochter TIM auch der letzte italienische Mobilfunkanbieter in ausländischen Händen landen könnte. Mitte vergangener Woche war zudem bekannt geworden, dass ein Mitarbeiter Prodis einen Vorschlag erarbeitet hat, das Festnetz der Telecom Italia erneut zu verstaatlichen. Ein Vorschlag, von dem Prodi nichts gewusst haben will, der aber von der Opposition heftigst kritisiert wurde.

Telecom Italia begründete den Rücktritt „mit dem Ziel, das Interesse des Unternehmens und der Aktionäre zu schützen“, um die angekündigte strategische Richtung weiter zu führen. Das Unternehmen solle „aus den Spannungen, die sich entwickelt haben, herausgehalten“ werden. Denn die „ungerechtfertigte Personalisierung der letzten Tage“ müsse vermieden werden, um die neue Strategie realisieren zu können, teilte das Unternehmen mit.

Der neue Präsident Rossi soll mit Hilfe seines Stellvertreters Carlo Boera die geplante Neuaufstellung fortführen. Nach italienischen Zeitungsberichten könnte der Verkauf der Mobilfunktöchter schon diese Woche auf der Tagesordnung stehen. Als besonders interessant gilt TIM Brasil. Die brasilianische Mobilfunktochter hat in den vergangenen Quartalen den Großteil der Gewinne erwirtschaftet und könnte daher am ehesten Käufer finden. Unter anderem sollen der lateinamerikanische Anbieter America Movil sowie die Deutsche Telekom interessiert sein, wie es aus Finanzkreisen heißt.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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