Prozess um WM-Ticketaffäre
Claassens Verteidiger sprechen von haltloser Anklage

In der WM-Ticketaffäre hat der ehemalige EnBW - Chef Utz Claassen vor dem Landgericht Karlsruhe den Vorwurf der Korruption entschieden zurückgewiesen. "Ich habe mir in dem vorliegenden Fall nichts vorzuwerfen", sagte der Ex-Manager zum Prozessauftakt am Dienstag.

HB KARLSRUHE. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, dass es strafbar sein könnte, wenn die EnBW als offizieller Sponsor der Fußballweltmeisterschaft 2006 Repräsentanten von Land und Bund zu WM-Spielen einlade. Seine Verteidiger sprachen von einer "haltlosen" Anklage und warfen der Staatsanwaltschaft eine Diffamierungskampagne vor. Sie vermittle "Außenstehenden das Zerrbild eines korrupten Wirtschaftsführers", kritisierte Anwalt Klaus Menge.

In dem zunächst auf acht Verhandlungstage angesetzten Prozess wird dem früheren Vorstandsvorsitzenden der EnBW Energie Baden-Württemberg AG Vorteilsgewährung vorgeworfen. Mit Claassens handschriftlich unterschriebener Weihnachtspost 2005 waren Gutscheine für WM-Tickets an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU), fünf Landesminister sowie an Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, verschickt worden. Ein Urteil wird am 28. November erwartet.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft wollte Claassen damit das "bestehende gute Verhältnis" zu den Politikern pflegen und etwaige Differenzen vergessen machen. Staatsanwältin Yasemin Tüz legte bei der Verlesung der Anklage dar, dass die beschenkten Politiker - etwa bei der Atomaufsicht oder bei der Überprüfung von Strompreisen - in vielfältiger Weise mit den Interessen des Energiekonzerns in Berührung kämen.

Claassen nannte die Vorwürfe abwegig: "Die Annahme, ein halbes Landeskabinett könnte käuflich sein - darunter der Justizminister -, liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft." Die Einladung zu Spielen in Stuttgart und Berlin sei nur symbolisch gewesen, "um die Vorfreude auf die WM zu wecken". Denn Mitglieder der Bundes- und der Landesregierung hätten ohnehin freien Zutritt zur FIFA - oder zur Landesloge gehabt. Die Ankläger beziffern den Wert eines Tickets dagegen auf gut 2100 Euro für Stuttgart und 2600 für Berlin.

Im Vorfeld hatte das Landgericht zu erkennen gegeben, dass es die Anklage nur im Fall Machnig für tragfähig hält, der nächste Woche als Zeuge gehört wird; aus formalen Gründen muss es aber über den gesamten Anklagekomplex verhandeln. Der Ticketgutschein für den Umweltstaatssekretär ist nach Claassens Darstellung versehentlich ins Kuvert geraten. Er würde niemals dem Staatssekretär einen Gutschein schicken, ohne dessen fußballbegeisterten Chef Sigmar Gabriel einzuladen. Der Bundesumweltminister erhielt den Verteidigern zufolge ein Kaffeeservice.

Machnig hatte zunächst eine Karte fürs Viertelfinale bestellt, nahm später aber davon Abstand. Ein Verfahren gegen ihn wurde gegen eine Auflage von 2500 Euro eingestellt, ebenso wie gegen Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP), der sich auf sich bei Claassen umgehend "ganz besonders" für die WM-Karten bedankt hatte, "über die ich mich sehr gefreut habe". Die Einladung angenommen hatte letztlich keiner der Politiker.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%