Prozessauftakt
Bernard Madoff: Im Licht des Büßers

Es ist der spektakulärste Betrugsprozess aller Zeiten. Allein schon deshalb, weil es um solche Summen noch nie gegangen ist bei einem einzelnen „Guru“. Bernhard Madoff hat gleich zu Beginn der Gerichtsverhandlung seine Schuld eingestanden und sich entschuldigt. Die Richter blieben dennoch hart.

NEW YORK. Deborah Schwartz gehört zu den Ersten, die auf den Gierigsten unter den Gierigen warten. Es ist kurz nach sechs Uhr in der Früh, noch hüllt die Dämmerung das Gerichtsgebäude in der Pearl Street von Manhattan ein. Vier Stunden sind es noch bis zum Prozessbeginn, aber Schwartz, eine Dame in gesetztem Alter mit dünnrandiger Brille, will den Moment der Abrechnung um nichts in der Welt verpassen. "Ich wollte nicht am nächsten Morgen aufwachen und die Geschichten aus zweiter Hand hören", sagt sie.

Der Tag wird ein historischer werden, einer, an dem die Gerechtigkeit an der Wall Street Einzug hält. Endlich. Bernard Madoff ist dran.

Zwei Drittel ihrer Ersparnisse hat Deborah Schwartz verloren, weil sie im Februar 2008 bei Madoff investiert hatte. Die Lady ist voller Zorn, sie fordert Vergeltung. "Er sollte alles verlieren, wie seine Kunden. Man sollte ihn wegsperren bis ans Lebensende. Nur einfache Kleidung und Essen soll er kriegen." Das bringe ihr zwar ihr Geld nicht zurück, sei aber nur gerecht.

Ein silberfarbener Geländewagen fährt vor, Madoff steigt aus. Er ist so akkurat wie immer gekleidet: grauer Anzug, passende Krawatte. Die grauen Haare sind zurückgekämmt und kräuseln sich im Nacken. Ein Wall-Street-Star vom Scheitel bis zur Sohle. Madoffs Gesicht ist wie betoniert, die Augen blicken starr geradeaus. Zwei Leibwächter flankieren den 70-Jährigen auf dem kurzen Weg zum Gerichtsgebäude. Es sind die letzten Schritte Bernard Madoffs in Freiheit.

Als drinnen im Saal vor Richter Denny Chin die Abrechnung beginnt, geht alles ganz schnell. Der Mega-Betrüger bekennt sich schuldig. Wertpapierbetrug, Urkundenfälschung, Computerbetrug, drei Fälle von Geldwäsche, Meineid, insgesamt elf verschiedene Straftaten. "Mir ist schmerzlich bewusst, dass ich viele Menschen tief verletzt habe", sagt Madoff mit leiser Stimme im Gerichtssaal. Er habe immer gewusst, dass er die Gesetze breche. "Es tut mir sehr leid. Ich schäme mich."

Das Wörtchen "schuldig" spricht Madoffs Mund gleich elfmal aus. Richter Chin akzeptiert das Geständnis. Am 16. Juni will er die Strafe bekanntgeben - bis zu 150 Jahre Gefängnis könnten es sein.

Fast 65 Milliarden Dollar hat Madoff veruntreut, mit dem größten Schneeballsystem der Finanzgeschichte. Die Opfer, von denen manche vor dem persönlichen Bankrott stehen, formulieren diesen Superlativ mit Wut und Abscheu. Sie hassen den Mann, dem sie einst vertrauten; sie freuen sich, dass er nun bestraft wird.

Doch in diesem Gerichtssaal in Manhattan geht es um mehr als um eine Opfer-Täter-Beziehung. Für viele Amerikaner ist Madoff der Inbegriff von Verantwortungslosigkeit und Gier - jenen Charakterzüge, die nach Ansicht vieler zur Finanz- und Wirtschaftskrise führten. Jene Täter sind größtenteils gesichtslos, anonyme Investmentbanker oder Immobilienverkäufer, die so lange immer riskantere Geschäfte machten, bis Amerikas Bankensystem - und mit ihm das der ganzen Welt - in den Abgrund blickte.

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