Prozessauftakt
Claassen bekommt seine Entschuldigung

Die Auseinandersetzung zwischen dem Top-Manager Utz Claassen und seinem Ex-Arbeitgeber Solar Millennium ist spektakulär. Heute trafen sich die Streitparteien vor Gericht.
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Es ist wohl die entscheidende Botschaft für Utz Claassen. Zum Prozessauftakt betont Claassen, dass er nicht ums Geld kämpft, sondern um seine Ehre. Im Streit ums Geld könne man sich immer einigen. "Die Wahrheit kann man aber nicht teilen." Mit dem Unternehmen selbst und dem Vorstand habe er keine großen Probleme. Mit dem Aufsichtsrat ist das Tischtuch aber wohl endgültig zerschnitten. Der Aufsichtsrat habe ihn "belogen, hintergangen, getäuscht". In einer rhetorisch geschliffenen Rede erhob Claassen schwere Vorwürfe gegen die Kontrolleure. "Mit diesem Aufsichtsrat wird es mit mir keine Einigung geben" - es sei denn, Aufsichtsratschef Pflaumer entschuldige sich öffentlich bei ihm.

Genau diese Chance auf eine gütliche Einigung versucht Solar-Millennium-Aufsichtsratschef Helmut Pflaumer im millionenschweren Abfindungsprozess mit Claassen zu ergreifen. "Es würde mir leid tun, wenn Sie sich beleidigt fühlen", sagt er und blickt dem ein paar Meter entfernt sitzenden Claassen in die Augen. Dafür entschuldige er sich auch. "Das Leben ist zu kurz, als dass wir beide uns mit so einer Auseinandersetzung belasten." Der Streit sei nicht zimperlich geführt worden. Doch eine Einigung sei noch möglich. 

Claassen nimmt das zur Kenntnis. "Es freut mich, Herr Pflaumer, Sie hätte ich auch nicht anders eingeschätzt", sagt er. Die Beleidigungen in den Schriftsätzen seien damit für ihn erledigt. Allerdings will Claassen auch noch bestätigt haben, dass er als verantwortungsvoller Manager rechtmäßig gehandelt habe. Das müsse ohne jede Einschränkung festgestellt werden.

So ist nach nur einer Stunde schon wieder Schluss. Das erwartete Hauen und Stechen habe man nicht geboten, sagt Richter Meyer fast schon entschuldigend. Claassen freut sich über die Entschuldigung. Und Aufsichtsratschef Pflaumer hofft, dass der Albtraum irgendwann vorbei ist. Schließlich wollte er mit Claassen in eine neue Ära aufbrechen - und steht nun vor einem Scherbenhaufen. "Das lastet auf einem", sagt er dem Handelsblatt.

Vor dem Nürnberger Landgericht begann heute Morgen der spektakuläre Scheidungskrieg, bei dem geklärt werden soll, ob Claassens Kündigung nach nur 74 Tagen im Amt rechtmäßig war. Es geht um Begrüßungsgeld und Abfindung.

Der kleine Saal 296 wirkte angesichts der Millionensummen als bescheidenes Forum für die Auseinandersetzung. Die vier Besucherreihen reichten nicht  aus, um allen Beratern, Zuschauern und Medienvertretern Platz zu bieten.

Alle Aufmerksamkeit richtet sich an diesem Morgen auf Claassen, der wenige Minuten vor Prozessbeginn im dunklen Zweireiher, blauer Krawatte und Bodyguard erscheint. Mit eher grimmigem Blick lässt er das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen.

Die Auseinandersetzung ist spektakulär. Claassen hatte Anfang 2010 überraschend den Vorstandsvorsitz bei der mittelständischen Solarfirma übernommen. Ebenso überraschend verabschiedete er sich nach nur 74 Tagen wieder. Seither streiten sich beide Seiten ums Geld: Claassen hatte eine Stattliche Antrittsprämie von neun Millionen Euro erhalten - und will auch noch eine Abfindung von gut sieben Millionen Euro. Die Firma reagierte mit einer Gegenklage.

Richter Werner Meyer ist ein erfahrener Jurist - und legte Claassen und Solar Millennium erst einmal eine gütliche Einigung ans Herz. "Ein streitiges Urteil hat einen gravierenden Nachteil: einen Verlierer." Eine juristische Auseinandersetzung könne sich über Jahre hinziehen. Und wer wisse schon, ob da überhaupt noch der Euro die Währung sei, sagte er scherzhaft.

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"Die Kuh vom Eis bringen"

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  • Schon die Antrittsprämie ist doch ein Ganovenstück und hat mit ordentlichem Geschäftsgebaren nichts gemein. Aber man hat es akzeptiert und bezahlt, und vor soviel Unvernunft verlangt er eben jetzt nochmals in ebenfalls schwindel-erregender Höhe.
    Den Business Plan muss schon der CEO erstellen und nicht der AR, der ihn akzeptiert oder verwirft,und nicht umgekehrt.

  • Diese beiden Figuren zeigen das Problem von Kapitalgesell-
    schaften.Das Unternehmen gehört weder den Vorständen noch den
    Aufsichtsräten. Diese tun aber so! So kommt es, daß häufig
    Blender, Zocker und Schlimmere sich überproportional in
    diesen Gesellschaften wiederfinden.Verträge werden auf
    Kosten des Unternehmens so formuliert, daß auch noch der
    größte Versager mit unverschämten Abfindungen rechnen kann. Ein wesentliches Element einer Marktwirtschaft, näm-
    lich die Verantwortung, ist völlig ausgeblendet. Eine
    Inhaberperson einer Privatfirma würde niemals diese Un-
    verschämtheiten zulassen oder mitmachen.Sie haftet mit
    ihrem Privatvermögen!
    Hier hat der Gesetzgeber die Pflicht, die "Spielregeln" für die Verantwortung dieser "Funktionäre" festzulegen!
    Diese Erweiterungen des AG-Rechts usw. sind längst überfällig, nur so sind diese Machenschaften der schamlosen Bereicherung auf Kosten des Unternehmens zu
    reduzieren.

  • http://wirtschaft.t-online.de/gehalt-jeder-fuenfte-vollzeitb…

    Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte lebt von Niedriglohn


    Millionen Deutsche schlagen sich mit Jobs im Niedriglohnsektor durch


    Gut jeder fünfte Vollzeitarbeitnehmer in Deutschland ist im Niedriglohnsektor beschäftigt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit verdienten Ende vergangenen Jahres 4,6 Millionen der rund 21 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten hierzulande monatlich weniger als 1800 Euro Brutto, berichtet die "Passauer Neue Presse". Das befeuert die Debatte um gesetzliche Mindestlöhne.



    Setzt Claassen auf Niedriglohn, er hat es sich verdient.

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