Prudential schließt Abteilung für technische Analyse
Star-Analyst Acampora sucht neuen Job

Künftig müssen Anleger auf Tipps von Star-Analyst Ralph Acampora verzichten. Denn der US-Versicherungsriese Prudential Financial schließt seine Abteilung für technische Analyse - und entlässt deren Chef Acampora.

NEW YORK.Er war immer für eine Überraschung gut bei einer Podiumsdiskussion des New Yorker Analystenverbands NYSSA. Da gab Ralph Acampora, Staranalyst des Versicherungskonzerns Prudential, sich pessimistisch in Sachen Internetaktien. Obwohl es doch sein überschäumender Optimismus während des Dotcom-Börsenbooms war, der ihn zur Berühmtheit emporsteigen ließ. Doch gibt sich der 64-Jährige mit den dunklen Augenbrauen pessimistisch: "Mein Lieblingswert heißt nicht mehr Yahoo, sondern Honeywell", sagte Acampora und empfahl den altmodischen US-Industriekonzern.

Künftig müssen Anleger ganz auf Acamporas Tipps verzichten. Denn der US-Versicherungsriese Prudential Financial schließt seine Abteilung für technische Analyse - und entlässt deren Chef Acampora, wie gestern ein Sprecher bestätigte. Mit ihm verliert die Wall Street ihren wohl bekanntesten technischen Analysten. 40 Jahre lang analysierte Acampora Kursverläufe, zeichnete Widerstands- und Unterstützungslinien und wertete exotische Kursdaten aus. Sein Abtritt kennzeichnet den Niedergang der technischen Analyse, auch Charttechnik genannt, die fundamentale Daten wie Firmengewinne völlig ignoriert und stattdessen versucht, aus dem Kursverlauf der Vergangenheit die Zukunft vorherzusehen.

Acampora fand nach Geschichts- und Politikstudien und einer abgebrochenen Theologieausbildung zur technischen Analyse. "Als ich verstand, wie man Charts lesen kann, wurde mir klar, dass ich auch ohne volkswirtschaftliche Vorkenntnisse Karriere an der Wall Street machen konnte", schreibt er in seinem 2001 veröffentlichten Buch "Der vierte Mega-Markt". Der große Durchbruch für Acampora und die Charttechnik kam mit dem Börsenboom der 90er-Jahre. Nach herkömmlichen Bewertungs-modellen erschienen die Aktienmärkte damals maßlos überteuert. Die Chartanalysten dagegen taten sich nicht schwer, den starken Aufwärtstrend in die Zukunft fortzuschreiben.

Berühmt wurde Acamporas mutige Prognose aus dem Jahr 1997, als er einen Anstieg des US-Aktienindexes Dow Jones Industrial auf 10 000 Punkte vorhersagte. Damals pendelte das Kursbarometer zwischen 6 000 und 7 000, selbst Optimisten hielten seine Prognose für überzogen. Keine zwei Jahre später übersprang der Dow die magische Marke - Acampora wurde zum Star. Tausende Anleger, auch in Deutschland, folgten dem Prudential-Experten, studierten Kopf-Schulter-Formationen und lernten, was Elliott-Wellen sind. Selbst die moderne Finanztheorie erkannte an, dass Finanzmärkte nicht immer völlig effizient sind und alle verfügbaren Informationen in den Kursen einpreisen. Diese zentrale Annahme widersprach der Charttechnik, die aus alten Kursdaten künftige Trends ableitet.

Sein gesamtes Berufsleben hindurch kämpfte Quereinsteiger Acampora um die Anerkennung der Charttechnik als seriöse Analysedisziplin. "An der Wall Street wurden wir technischen Analysten ausgelacht", erinnert er sich in seinem Buch. Um seinem Berufsstand eine Lobby zu verschaffen, übernahm Acampora die Leitung des ersten US-weiten Branchenverbandes und entwickelte ein formales Ausbildungsprogramm für Charttechniker. Doch im ultimativen Härtetest schnitten die technischen Analysten schlecht ab: Den langen Börsencrash zwischen 2000 und 2002 sahen weder Acampora noch die meisten seiner Kollegen voraus.

Zuletzt brachten Acamporas Prognosen bestenfalls gemischte Ergebnisse. So prophezeite er 1999 einen Anstieg des Dow Jones auf 18 600 Punkte - stattdessen pendelt das Barometer heute um knapp 10 400. Ende 2004 wechselte er dann auf die Seite der Pessimisten und warnte vor einem Rückschlag für den technologielastigen Nasdaq-Aktienindex. Und auch der blieb bislang aus.

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