Prym-Chef Andreas Engelhardt
„Büßen ja, aber bitte verhältnismäßig“

Als Andreas Engelhardt im Oktober 2005 als Geschäftsführer beim Reißverschluss- und Druckknopfhersteller Prym anfing, dachte er, er wüsste, worauf er sich einließ: Eine Strafe von 30 Millionen Euro für Preisabstrafen bei Nadeln und Kurzwaren hatte die EU-Kommission gegen das älteste deutsche Industrieunternehmen aus Stolberg bei Aachen schon ausgesprochen – und eine weitere Strafe für Preisabsprachen bei Reißverschlüssen stand noch aus.

STOLBERG. Die Nachricht, die sich am vergangenen Mittwoch aus dem Fax quälte, haute den 47-jährigen lautstarken Alemannia-Aachen-Fan nicht nur sprichwörtlich um: 40,5 Millionen Euro ist die Höhe der zweiten Strafe. Die EU-Kommission bewertete die Preisabsprachen zwischen Prym und fünf anderen Firmen als besonders schweren Verstoß gegen die Wettbewerbsvorschriften. Für Engelhardt ist das „eine irre Summe für ein Vergehen aus dem letzten Jahrtausend. Büßen ja, aber bitte verhältnismäßig.“ Üblich seien zehn Prozent des Segmentumsatzes.

Trotz der rund 70 Millionen Euro, die den Mittelständler mit einem Jahresumsatz von knapp 360 Millionen Euro jetzt insgesamt belasten, ist der gebürtige Wuppertaler zuversichtlich: „Wir, die Firma Prym, werden auch diese Krise meistern. In 500 Jahren Firmengeschichte haben wir schon Kriege und Epidemien überlebt.“ Seit 2004 seien Rückstellungen gebildet worden. Die 52 Familiengesellschafter hätten seitdem keinen Cent mehr gesehen. Eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent gebe Spielraum, und auch die Banken hätten Unterstützung signalisiert.

Engelhardt strotzt vor Zuversicht – auch, weil er die Vergangenheit abschließen will. Mit den Produkten von Prym – Druckknöpfe für Modekonzerne, Nähzubehör für Kaufhäuser sowie Kontaktelemente für die Elektronikindustrie – will er neue Märkte erobern. Mit der Kanzlerin und ihrer Wirtschaftsdelegation erkundete er jüngst China und Japan. Und das Schlimmste, was dem Industriekaufmann und Prym jetzt passieren könnte, wäre der Vertrauensverlust bei Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden.

Engelhardt, der, wie er selbst sagt, „kein studierter Mann“ ist, lässt zudem prüfen, ob Prym gegen die zweite Strafe von 40,5 Millionen Euro klagen wird. Neben der Aussicht auf Strafminderung würde eine Klage Zeit bringen. Die Aussichten, den Kampf zu gewinnen, sind jedoch nicht gut. Der Rechtsstreit gegen die erste Strafe dauerte drei Jahre und brachte eine Reduzierung der Strafe um zehn Prozent: Statt 30 sind jetzt nur noch 27 Millionen Euro fällig.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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