Ralf Däinghaus verkauft immer mehr Medikamente per Internet
Der Apotheker-Schreck

Die Versandhandelsapotheke Doc Morris in Landgraaf bei Kerkrade verkauft zum Leidwesen deutscher Apotheken immer mehr Medikamente per Internet. Ihr Chef Ralf Däinghaus gehört zu Deutschlands erfolgreicheren New-Economy-Gründern.

Eine gute deutsche Apotheke sieht gemeinhin ganz anders aus. Sie hat sich normalerweise nicht in einem abgelegenen Gewerbegebiet niedergelassen, wo der Nachbar auf den Namen DuPont hört und Chemie verkauft. Sie besitzt kein Call-Center, wo junge Frauen auf engstem Raum unter einem schlichten Flachdach zusammensitzen und Bestellungen im Akkord abarbeiten. Sie leistet sich keinen 200 Quadratmeter großen Lagerraum, in dem 10 000 verschiedene Medikamente in Regalen darauf warten, dass die Lagerarbeiter die Vorgabe aus der Chefetage erfüllen: das versandfertige Schnüren von 80 Paketen pro Stunde.

Und: Sie hat auch keinen Panzerschrank, in dem Potenzmittel wie Viagra und Cialis extra weggesperrt werden müssen, „weil derartige Medikamente sonst noch laufen lernen“. Der Mann, der das sagt, heißt Ralf Däinghaus, trägt eine schwarze Woody-Allen-Brille und das blonde Haar ziemlich wirr. Der 36-Jährige gehört zu den erfolgreicheren unter Deutschlands New-Economy-Gründern, weil sein Unternehmen nicht nur besonders schnell gewachsen ist, sondern auch den Niedergang der Internet-Industrie ohne größere Schrammen überstanden hat.

Heute ist Däinghaus Chef von 160 Mitarbeitern der Versandhandelsapotheke Doc Morris in Landgraaf bei Kerkrade, knapp zehn Kilometer jenseits der Grenze in den Niederlanden. Für den aus dem Bergischen Land stammenden Jung-Unternehmer bisher ein optimaler Standort, da im Nachbarland der Versandhandel von Medikamenten längst erlaubt ist und die deutschen Paketdienste gleich hinter der Grenze die Bestellungen der Kunden aus Deutschland noch annehmen.

Ein gefährlicher Angreifer

Weil das inzwischen bis zu 3 000 pro Tag sind, übertrifft der Newcomer den Umsatz einer herkömmlichen Apotheke längst um ein Vielfaches. Und rüttelt so wie kein anderer zuvor an den Strukturen einer seit vielen Jahren abgeschotteten und gut verdienenden Branche.

Bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gilt er deshalb als gefährlicher Angreifer, der gestoppt werden muss. „Internetversender wie Doc Morris“, zetert der Verband, „können nicht bieten, was im deutschen Apothekenwesen praktiziert wird: die rundum sichere Versorgung der Bevölkerung mit Arzneien“. Nach den Worten des Chefs der Apothekerkammer Nordrhein, Karl-Rudolf Mattenklotz, wird „das bewährte Apothekensystem“ auf diese Weise sogar „mutwillig zerstört“.

Und so überzieht die Apotheken- Lobby Doc Morris mit Klagen. Mehrfach steht Däinghaus’ Unternehmen vor dem Aus. Doch der studierte Informatiker, der auch schon über die Programmierung von Raketen im virtuellen Raum forschte, findet immer wieder einen Ausweg – und glaubt sich nun am Ziel.

Er sagt: „Seit die Gesundheitsreform beschlossene Sache ist und damit ab 2004 auch der Versandhandel von Medikamenten in Deutschland, müsste jedem in der Branche klar sein, dass es künftig zwei Vertriebswege geben wird: jenen über die normale Apotheke und jenen über Versender“. Also Firmen, die im Ausland Medikamente ohne Preisbindung günstiger einkaufen können, die keine Rezeptgebühren verlangen und deshalb um bis zu fünfzehn Prozent billiger sind, was die Verbraucherzentrale Berlin für Doc Morris bestätigt – und die meisten Krankenkassen freut.

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