Rebekah Wade ist Chefredakteurin der britischen Boulevardzeitung „Sun“
Die Schöne und das Kampfblatt

Rebekah Wade mag es richtig schlagkräftig: Die neue Chefredakteurin der britischen Boulevardzeitung „Sun“ hält sich täglich mit Kickboxen fit. Aber nicht nur bei dem knallharten Sport – einer Mischung aus Boxen und Karate – teilt die schöne Frau mit den roten Locken aus.

LONDON. Schläge unter die Gürtellinie sind Wade nicht fremd. Die erst 34-Jährige hat sich in den vergangenen 15 Jahren im hartgesottenen Boulevardjournalismus auf der Insel Stück für Stück nach oben gearbeitet: von der Redaktionssekretärin bei der „Post“ bis zur Chefredakteurin der „Sun“, dem mit täglich rund elf Millionen Lesern mächtigsten Sprachrohr im Land aus dem Hause Rupert Murdoch.

Dort sorgt die neue Chefin bereits im ersten Monat für Wirbel. Vor ein paar Tagen zog die kämpferische Journalistin sogar ein Thema von der anderen Seite des Kanals groß auf: Sie ließ den französischen Präsidenten Jacques Chirac in Paris auf dem Titelblatt einer „Sun“-Sonderausgabe wegen seiner Haltung in der Irak-Frage als „Wurm“ und „Schande für Europa“ beschimpfen. Wade dürfte an der Seite persönlich Hand angelegt haben: Sie spricht fließend Französisch.

Auch daheim in London hat die Sun-Chefin mit ersten Schüssen aus dem Revolverblatt das Ziel schon klar im Visier: Mit einem Leseraufruf zeigte sie der Labour-Regierung die Krallen. Zu Hunderttausenden folgten Sun-Leser der Aktion gegen die „lasche“ Asyl- und Einwanderungspolitik und schickten einen vorbereiteten Ausschneidebrief an Premierminister Tony Blair. „Schütze Großbritannien, bevor es zu spät ist“, lautete die Parole.

Damit hat die „Sun“ unter Wade flott einen politischen Richtungswechsel vollzogen: Ihr Vorgänger David Yelland hatte noch versucht, trotz schriller Schlagzeilen dumpfe Stimmungsmache – zum Beispiel gegen Homosexuelle oder Ausländer – zu vermeiden. Mit dieser Zurückhaltung ist es jetzt vorbei.

Zittern muss vor allem Tony Blair, der im Wahlkampf 1997 überraschend von Murdoch Medienhilfe bekam. Zwar steht die „Sun“ voll hinter seinem Kriegskurs, doch nicht hinter seiner Partei: „Die Zeit für Labour läuft aus“, hieß es im ersten Sun-Leitartikel der Wade-Ära deutlich. Die erfolgshungrige Chefin hat dafür sogar mit den Blairs gebrochen: Bislang hatte sie enge Beziehungen zur Regierung, war nicht nur regelmäßig Gast in Downing Street, sondern wurde von den Blairs schon mal privat eingeladen. Zudem ist Wade mit einem bekannten englischen TV-Schauspieler verheiratet, der für New Labour kräftig Wahlkampf gemacht hat.

Doch Sun-Besitzer Rupert Murdoch hat ein Gespür für Stimmungen im Volk. Er will sein englisches Massenblatt offenbar stärker an der Ernüchterung der britischen Wähler ausrichten. Den politischen Richtungswechsel hat er Wade beim Dinner im Londoner Edel-Restaurant „Ivy“ eingeflüstert, als er ihr im Dezember den Top-Job anbot. Und für den Aufstieg zur Queen im britischen Boulevardjournalismus sei Wade „bereit, die Nabelschnur zur Downing Street zu kappen“, kommentierte der „Guardian“ daraufhin.

Denn Wade ist nicht nur Karrierefrau und knallharte Journalistin, sie ist auch eine treue Gefolgsfrau des australischen Medienzars. Schließlich hat Murdoch sie in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut. Nach ihrem Studium an der Sorbonne in Paris wechselte die junge Reporterin bereits im Alter von 20 Jahren in sein Imperium und arbeitete zunächst für „News of the World“.

Seither hat es die Journalistin, die als scheu gilt und sich nie in der Öffentlichkeit äußert, mit Geschichten über Prominente häufig in die Schlagzeilen geschafft. Die fragwürdigen Geschäfte von Prinz Edward oder Alkohol-Partys bei Prinz Harry – immer deckten dies Wade-Blätter auf. Auf ihre Art berühmt wurde die Kettenraucherin jedoch mit einer umstrittenen Kampagne. Nach dem Mord an der achtjährigen Sarah Pane ließ Wade über Wochen die Fotos von vorbestraften Pädophilen ausdrucken, forderte für Eltern den Zugang zu diesen Polizeilisten. Die Aktion „name and shame“ führte zu Attacken – auch auf Unschuldige. Doch Wade brachte damit die Auflage nach oben, was ihr bei Murdoch wiederum viel Bewunderung einbrachte.

Auch in ihrem neuen Job bei der „Sun“ setzt Wade auf Kampf. Sie wolle mehr Konkurrenz in der Redaktion, mehr Enthusiasmus und viele Exklusivgeschichten, hieß es aus der ersten Redaktionskonferenz. Wer nicht mitzieht, fliegt raus, so ihre klare Ansage in einer E-Mail an die Mitarbeiter.

Eine aber darf – überraschend – bleiben: Das nackte Mädchen auf Seite drei. Wade, die als Stellvertreterin bei der „Sun“ stets gegen die Sexfotos gewettert hatte, hat sich auch hier im Sinne Murdochs gewandelt. Immerhin zeigt sie dabei durchaus Selbstironie. In der ersten Ausgabe unter Wades Führung war auf Seite drei „Rebekah aus Wapping“ zu sehen. In Wapping wird die „Sun“ redigiert und täglich gedruckt.

VITA: Rebekah Wade wurde im Mai 1968 geboren. Das Mädchen mit den roten Locken wuchs in der englischen Grafschaft Cheshire auf. Nach der Schule folgte zunächst ein kurzes Studium an der Sorbonne in Paris. Die Engländerin, die seitdem fließend Französisch spricht, arbeitete in Paris kurze Zeit für ein Architekturmagazin. Zurück in England, wurde sie zunächst Sekretärin beim neuen Boulevardblatt „Post“. Mit noch nicht 20 Jahren schaffte es Wade, auf die Seite des Journalismus zu wechseln. Als die „Post“ einging, wurde sie Reporterin und wechselte zum Murdoch-Blatt „News of the World“, der größten britischen Sonntagszeitung. Seitdem gilt Wade als treue Murdoch-Frau: Mit 29 Jahren wurde sie stellvertretende Chefin bei der „Sun“, drei Jahre später stieg sie zur Chefredakteurin von „News of the World“ auf. Im Januar 2003 wurde sie überraschend als Nachfolgerin für David Yelland an die Spitze der „Sun“ geholt. Sie ist die erste Chefin einer britischen Tageszeitung. Wade ist mit dem bekannten britischen TV-Serienstar Ross Kemp verheiratet.

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