Rechenzentren
Der Server im Besenschrank

Zumindest eine Gruppe von Menschen in Deutschland begrüßte in diesem Jahr den regnerischen Mai: Die Verantwortlichen der Rechenzentren in den Unternehmen. Laufen die Zentren bei immer wärmerem Klima heiß, haften die Top-Manager – wenn sie die Fachabteilungen nicht genügend kontrollieren.

DÜSSELDORF. Immer wieder entpuppt sich der Faktor Hitze als Ausfallgrund für IT-Systeme. Ein Serverraum eines Beratungshauses in Frankfurt etwa ist derart hermetisch durch eine zweitürige Schleuse abgesichert, dass selbst die Luft Schwierigkeiten beim Eindringen hat. Als vor kurzem ein Kühlgerät in dieser Festung schlapp machte, führte das zum Ausfall aller Computer. Unter Umständen hätte bereits das Öffnen eines Fensters Abhilfe schaffen können – nur gab es keine Fenster. So löste die Panne eine Kettenreaktion aus. Einen Tag lang standen alle Rechner still, bis der Defekt repariert war.

Derartige Konstruktionsfehler sind ein Grund dafür, dass eine überhitzte IT inzwischen ein Unternehmensrisiko ist. Hinzu kommt, dass das Volumen der Firmendaten, die jede Sekunde um den Globus rasen, ständig wächst. Um sie zu verarbeiten, ist eine zunehmende Zahl von Servern nötig. Und die Zentralcomputer strahlen enorme Hitze ab, weil ihre Prozessoren immer schneller geworden sind. Die Rechenzentren, in denen die Server stehen, sind aber oft nicht planvoll aufgebaut, sondern wuchern wild vor sich hin. Steigt etwa die Zahl der Online-Konten einer Bank rasch an, stellen die Techniker mitunter einfach ein paar Server-Regale auf und verkabelten sie. Das hat fatale Folgen für den Luftfluss in den Rechenzentren. Die Ventilatoren und Klimaanlagen kommen nicht mehr nach.

Jedoch: Fast jedes zweite Unternehmen in Deutschland unterschätzt das Problem. Das ermittelte der Frankfurter Rechenzentrumsbetreiber Global Switch bei einer Umfrage unter 170 IT-Verantwortlichen. Viele von ihnen kaufen neue Server und andere Computer, ohne zu bedenken, dass die zusätzlichen Rechner weiteren Platz-, Strom- und Kühlungsbedarf bedeuten. Pikant: Die größten Defizite machten die Befrager dabei ausgerechnet bei Banken aus – die sind sonst für hohe Sicherheitsmaßstäbe bekannt.

Vielen Geschäftsführern scheint es egal oder nicht bewusst zu sein, wie es um die Ausfallsicherheit der Rechenzentren bestellt ist, in denen die IT ihrer Firma angesiedelt ist. Dabei ist die Ausfallsicherung der IT im eigenen Keller oder die Zuverlässigkeit des Rechenzentrums, das die ausgelagerten Unternehmenssysteme betreut, eine Frage, um die sich Chefs heute selbst kümmern müssen. „Insbesondere weil sie nach dem KonTraG persönlich haften“, so Anwalt Jyn Schulte-Melling von der Kanzlei Nörr Stiefenhofer. „Die Kernfrage, die sich jeder CEO stellen muss und die für die Haftung relevant ist, lautet: Ist die IT für unsere Firma wichtig?“ erläutert Wilfried Reiners von PRW in München, der auch auf IT-Sicherheit und Haftungsrecht spezialisiert ist – Referenzmandant: Fujitsu. Verneinen kann diese Frage angesichts der weltweiten Vernetzung, der digitalen Buchführung und der Vorgabe der Finanzämter, Steuerdaten inzwischen in elektronischer Form bereitzustellen, kaum einer. „Also muss ich mir als CEO oder Geschäftsführer Gedanken über ein Thema wie Ausfallsicherheit machen – auch wenn ich etwa als Produzent von Glasflaschen zurecht der Auffassung bin, dass der Betrieb von IT-Systemen nicht zu meinem Kerngeschäft gehört“, so André Krebs, Vertriebsmanager bei Global Switch. Und auf die Fachabteilung kann ein Manager die Verantwortung auch nicht abwälzen, weiß Anwalt Reiners. „Er muss es nicht selbst machen, aber er muss die Fachabteilung kontrollieren, ob sie es richtig macht.“

In diesem Punkt gibt es aber viel Nachholbedarf, denn in Computerräumen vieler Firmen geht es drunter und drüber. Jüngst musste etwa eine Berliner Krankenhausgruppe Rechner im Wert von 100 000 Euro abschreiben, weil ein Bautrupp beim Einbau einer Tür eine 1,5 Zentimeter dicke Staubschicht auf ihnen hinterließ. Damit nicht genug: Sie verlor beim Versuch, den Rechnerpark mit einer zusätzlichen Wasserkühlung vor Überhitzung zu schützen, ähnlich viel Geld. Man hatte die Computer aus Versehen mit Dreckwasser gekühlt. Die Verantwortlichen hatten vergessen, dass Wasserleitungsinstallateure frisch installierte Rohre erst durchspülen müssen, bevor sie sie endgültig anschließen. Und bei einem deutschen Konzern fanden IT-Fachleute zufällig einen alten IBM-Computer, der offenbar Teil der IT-Infrastruktur war – in einem Besenschrank. „Er war verkabelt und lief“, sagt André Krebs, „aber keiner wusste, was er macht und für welchen Teil der Unternehmens-IT er zuständig war.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%