Rechnungslegung
Wettlauf um den Weltstandard

Dem US-Finanzmarkt droht der Bedeutungsverlust: Immer mehr Börsenkandidaten weichen nach London aus. Ein Grund: Der Zwang, nach dem Rechnungslegungsstandard US-Gaap-zu bilanzieren. Ein Wettlauf um den Weltstandard ist entbrannt.

DÜSSELDORF. Der Wechsel könnte Programm sein. Gerrit Zalm, Ex-Finanzminister der Niederlande, löst Philip Laskawy, einst Chairman der Prüfungsgesellschaft Ernst & Young, als ersten Treuhänder (Trustee) der IASC-Foundation in London ab. Diese privatwirtschaftliche Vereinigung erstellt den Rechnungslegungsstandard IFRS. Ein Tausch zum Jahresbeginn mit Symbolcharakter. Denn mit Zalm kommt ein Europäer, ein Amerikaner geht. Manche Beobachter erhoffen sich davon, dass die internationale Bilanzierungsnorm IFRS deshalb ein wenig europäischer werden könnte.

Die Amerikaner sahen bisher in dieser Frage ohnehin kaum Diskussionsbedarf. Ihr Standard heißt Generally Accepted Accounting Principles (Gaap) und der ist für amerikanische Unternehmen so bindend wie für ausländische Firmen, die an die US-Börsen wollen. Und dahin wollten viele. Andere Abschlüsse als US-Gaap interessierten nicht - bislang jedenfalls.

Denn die Macht des Faktischen zwingt die Amerikaner inzwischen zum Umdenken. Immer mehr Börsenkandidaten weichen nach London aus; dem US-Finanzmarkt droht Bedeutungsverlust. Grund: Der Gaap-Zwang und die überdrehten Vorschriften der US-Börsenaufsicht SEC.

Seit November steht daher offiziell fest: Ausländer dürfen in den USA künftig auch nach den IFRS-Regeln des Londoner IASB bilanzieren. Selbst US-Unternehmen könnte es bald erlaubt sein, nach den Regeln des International Accounting Standards Board (IASB) zu bilanzieren. Doch bis dahin muss Zalm wohl noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

In Deutschland legen inzwischen alle führenden Unternehmen einen Konzernabschluss nach IFRS vor. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Steuerbilanzen und Einzelabschlüsse dagegen werden meist nach dem guten alten Handelsgesetzbuch erstellt. Und rund ein Dutzend Konzerne bilanzieren wegen ihrer US-Notierung in Gaap. Noch. Denn Altana, Bayer und Eon blasen zum Rückzug. Die Notierung in NewYork wird aufgegeben.

Experten sind sich einig. Konkurrierende Rechnungslegungsstandards in der Welt machen ohnehin keinen Sinn. Amerikanische Institutionen wie die Börsenaufsicht SEC und der Standardsetter FSAB, der für Gaap zuständig ist, verhandeln daher seit einiger Zeit mit dem IASB über eine Vereinheitlichung. Was in der EU nicht nur auf Begeisterung trifft. Erst kürzlich monierte das Europäische Parlament, dass die Interessen der Politik beim privatrechtlichen IASB zu wenig berücksichtigt würden. Auch der Betriebswirtschaftsprofessor Hans Böcking-Joachim fragt sich, "warum sitzt Europa nicht direkt mit am Tisch bei den Verhandlungen zwischen dem privaten IASB und den amerikanischen Institutionen?"

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