Recruiting
Kopfgeld kassieren für Neukollegen

Auf der Jagd nach begehrten Fachkräften setzen immer mehr Firmen statt aufwendiger Bewerbungsverfahren auf "Mitarbeiter werben Mitarbeiter"- Programme - zunehmend auch im Internet. Für jede 2.0-Vermittlung winken satte Prämien. Doch der erwartete Erfolg bleibt aus.

DÜSSELDORF. Eine Flugreise zu karibischen Traumstränden, 3000 Euro zusätzliches Taschengeld zum Gehalt oder gleich ein neuer Kleinwagen - kaum ein Mitarbeiter fühlt sich von solchen Anreizen nicht gelockt. Und immer mehr Unternehmen verwöhnen ihre Belegschaft mit attraktiven Extra-Boni. Natürlich nicht, ohne eine Gegenleistung zu fordern. Eine solche Belohnung erhält nur, wer sich neben seiner normalen Tätigkeit in seinem Freundes- und Bekanntenkreis als Headhunter verdingt.

Der Trend kommt - wie so oft - aus Amerika. "Recruit a friend", "Mitarbeiter werben Mitarbeiter" oder ähnlich heißen diese Programme, die nicht nur Fach- und Führungskräfte dazu animieren sollen, geeignete Kollegen und Bekannte für Stellenangebote vorzuschlagen. Ein gutes Viertel aller Neueinstellungen in Deutschland kommt so mittlerweile über eigene Mitarbeiter und persönliche Kontakte zustande, zeigt eine Betriebsbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Von der Beratungsgesellschaft Accenture, über den Textildiscounter Kik bis hin zur Citibank melken die Personaler die sozialen Netzwerke der Mitarbeiter. Als Belohnung für die erfolgreiche Vermittlung kassieren die Laien-Recruiter eine so genannte Kopfprämie.

Neuerdings machen sich auch Online-Plattformen diesen Recruitingeifer zunutze. Denn die Idee hinter der Kopfprämie klingt besonders in Zeiten von StudiVZ, Xing und Facebook logisch: Gute Leute kennen gute Leute, sind mit diesen rund um den Globus vernetzt und können sie aufgrund ihrer persönlichen Beziehung viel eher zu einem Wechsel inspirieren als Werbeanzeigen oder anonyme Headhunter. Das Portal Jobleads etwa bietet Arbeitgebern seit 2007 die Möglichkeit, ihre Jobangebote im Internet einzustellen und Prämien für die erfolgreiche Vermittlung des passenden Kandidaten anzubieten. Im Gegenzug können sich Arbeitnehmer als so genannte Talent-Scouts auf der Plattform registrieren und ihren Freundes- und Bekanntenkreis nach passenden Jobkandidaten für die ausgeschriebenen Stellen durchforsten.

Mühe, die sich finanziell lohnen und für beide Seiten auszahlen soll. Aktuell sind rund 1000 Jobs und Prämien in Höhe von insgesamt 3,8 Mio. Euro vergeben. Und während ein Headhunter den Unternehmen durchschnittlich 30 Prozent des Jahresgehalts der besetzten Position in Rechnung stellt, liegen die JobLeads-Prämien zwischen sechs und sieben Prozent des Jahresverdienstes und sind rein erfolgsbasiert.

Personalexperten sind trotzdem skeptisch: " Portale wie Jobleads sind beim Recruiting an dritter oder vierter Stelle erfolgreich, bedeuten aber keine ernsthafte Bedrohung für etablierte Personalberatungsfirmen", erklärt Prof. Wolfgang Jäger von der Fachhochschule Wiesbaden. Deshalb begegnen Beratungsunternehmen wie Kienbaum dem Trend gelassen: "Ich glaube nicht, sagt Consulter Jens Hohensee, "dass uns aus dieser Ecke ernsthafte Konkurrenz droht. Denn die beste Methode, um Top-Leute zu bekommen, ist immer noch, sie direkt zu suchen."

So finden sich auf der Jobleads-Homepage zwar Jobangebote namhafter Unternehmen. Doch der Vermittlungserfolg lässt mitunter zu wünschen übrig. Die Beratungsfirma Capgemini etwa schaltet seit einigen Monaten Jobangebote auf Jobleads. Personaldirektor Günther Illert sagt: "Solche Portale schießen wie Pilze aus dem Boden, so wirklich durchgesetzt hat sich die Idee aber noch nicht." Bislang hat Jobleads für Capgemini einen neuen Mitarbeiter vermittelt. Die Deutsche Börse hofft darauf, Spezialisten-Positionen zu besetzen, sieht das Portal "derzeit aber noch in der Evaluierung", so ein Unternehmenssprecher. Bislang wurde auch dort über Jobleads ein neuer Mitarbeiter eingestellt. Dem Reifenbauer Continental hat das Start-Up bislang noch nicht zu neuem Personal verholfen. Ähnlich wie Jobleads versucht auch das britische Start-Up Zubka nach eigenen Angaben, die Recruitment-Branche durcheinander zu wirbeln und auf dem deutschen Jobmarkt Fuß zu fassen. Der Erfolg bislang - bescheiden.

Schon einmal ist das Modell des Kopfgeldrecruitings gescheitert. Denn die Methode ist nicht neu, sondern eine Erfindung des New-Economy-Booms. Als die Firmen um die Jahrtausendwende wie Pilze aus dem Boden schossen, mussten neue Mitarbeiter innerhalb kürzester Zeit an Bord geholt werden. Das war manch einem Start-up im Silicon Valley sogar Ferraris für die Vermittlung fähiger Programmierer wert. Als die IT-Blase platzte und die Aufträge zurückgingen geriet auch die Kopfgeldstrategie ins Hintertreffen. Heute stellt der Textildiscounter Kik seinen Mitarbeitern bei zehn erfolgreichen Vermittlungen zwar keinen Ferrari, dafür aber einen Smart vor die Tür. Kopfgelder erleben eine abgespeckte Renaissance. Ob sie allerdings auch als 2.0-Version auf Dauer funktionieren, bleibt abzuwarten.

Annika Reinert
Christine Weißenborn
Handelsblatt / Redakteurin
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