Reden
Leerreiche Worte

Deutsche Führungskräfte vergraulen Kunden mit schlechten Reden: Sie lesen ab und vor, sie dozieren und gebrauchen Zitate falsch. Eine Handreichung zur Abhilfe.

Gibt es da nicht einen ehernen Grundsatz in allen Rhetorikbüchern und -seminaren, wonach die sträflichste Sünde eines jeden Redners die sei, mit einem Zitat zu beginnen? Dann sollten die Herrschaften ihre Machwerke einstampfen und die Lehrpläne umschreiben. Die sträflichste Sünde eines Redners ist der falsche, der inflationäre, der langweilende, der mutlose Gebrauch von Zitaten. Wer seine Botschaft nicht auf eine prägnante Formel zu bringen vermag, möge für immer schweigen! Der große Winston Churchill wusste es, als er seine Kriegsrede begann: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat. (Ich habe nichts anzubieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß).“ Und wie oft ist er falsch zitiert worden: verkürzt und verdreht auf „Blut, Schweiß und Tränen“...

Deutschland, das Land der großen Rhetoren, redet nicht mehr, es liest ab, es liest und trägt vor, es doziert, es schwafelt und salbadert, aber es redet nicht mehr! Vor allem aber: Es kupfert Zitate ab, klaut ganz und gar schamlos, setzt sie an falsche Stellen, oder lässt sie ohne jeden Bezug stehen, beraubt sie ihres Witzes und bedient sich zu allem Überfluss ohne Quellenangabe der Geistesleistung Klügerer und sonnt sich in deren Glanz.

Oft muss die Politik als Urheber für den rhetorischen Niedergang herhalten. Aber das hieße, sie und ihre Wirkung zu überschätzen. Die Leere des Bundestages belegt doch eindrucksvoll, dass die Damen und Herren Abgeordneten sich selber nicht mehr hören können. Wer wie Pattex an seinem Manuskript klebt, produziert Stanzen und rednerische Hohlkörper.

Nicht die Politik mit ihrem Christiansen-geformten Verlautbarungssprech verdirbt die Preise, sondern Persönlichkeiten, die vom sprachlosen Volk noch ernst genommen werden. Wissenschaftler, Verbands- oder Kirchenführer und vor allem auch die Unternehmer.

Peter W. Engelmeier, Professor für Kommunikationswissenschaften, berät viele Unternehmenschefs im Umgang mit Medien und schleift so die öffentliche Wirkung seiner Schützlinge: „Es gibt Redner, die durch ihre ,personality’ Wirkung entfalten – ob mit oder ohne Manuskript. Und solche, die ihrem jederzeit abrufbaren Esprit vertrauen können, um Zuhörer auf ihre Seite zu bringen.“

Er ist zusammen mit Susanne Rick Verfasser eines soeben erschienenen „Zitatenschatzes“ und hat dem Werk den Untertitel „für alle, die etwas zu sagen haben“, gegeben. Man muss um dessen Auflage fürchten, verringert sich doch täglich die Anzahl derer, die etwas mitzuteilen haben. Der Rest sind Schwadroneure, denen von ihrer Selbstwahrnehmung ein übler Streich gespielt wird: Sie glauben, die Welt hätte auf eine Rede von ihnen gewartet. Und so hört sie sich dann auch an.

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