Reinhold Würth
Ein Pionier zum Poltern

Der Vertrieb hat versagt – so der neueste Vorwurf von Schraubenkönig Reinhold Würth gegen die Mitarbeiter des Unternehmens. Nur dass das Wutschreiben an die Öffentlichkeit gelangen könnte, damit rechnete er nicht.
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StuttgartEr zählt zu den Pionieren der deutschen Nachkriegswirtschaft. Reinhold Würth, der Schraubenkönig aus Hohenlohe, hat in einer Generation das weltgrößte Unternehmen für Befestigungstechnik - mit zehn Milliarden Euro Umsatz - geschaffen. Die operative Führung hat der 77-Jährige längst abgegeben, den Beirat führt Tochter Bettina. Nur dem Aufsichtsrat der Stiftungen, denen er die Firmenanteile übertragen hat, dem steht er noch vor.

Doch wenn es in dem Firmenpatriarchen brodelt, wenn der innerliche Druck zu groß wird, dann verschafft er sich Luft. Und niemand im Unternehmen - Würth hat 66.000 Beschäftigte - würde sich trauen, ihn daran zu hindern. Oder Kritik an ihm zu üben.

Briefe des Seniors an die Mitarbeiter gibt es deshalb immer mal wieder. Doch keiner war so scharf formuliert wie der letzte. In einem siebenseitigen Schreiben stellte er vor wenigen Tagen die mehr als 3.000 fest angestellten Außendienstler unter Generalverdacht. Der Vorwurf: Sie arbeiten zu wenig. Würths Erfahrung sage ihm, dass ein Außendienstmitarbeiter seine Zeit nur zu 60 bis 70 Prozent nutze. Provokativ stellte er die Frage, ob alle um 7:30 Uhr beim ersten Kunden seien. Im ersten Halbjahr hätten sie nur 3,3 Prozent Wachstum erzielt, umgerechnet 29 Euro pro Tag. "Entspricht diese Miniumsatzsteigerung Ihren Kenntnissen, Ihrer Kompetenz und Ihrer Qualifikation?" polterte der Senior.

Der Eigentümer mischt sich mit dem Brief ins operative Geschäft ein. Die Aktion war mit dem Vertriebschef Martin Schäfer abgestimmt. Dennoch untergräbt Würth damit Schäfers Autorität. Auch dem Chef der Würth-Gruppe, Robert Friedmann, kann das forsche Auftreten des Seniors nicht recht sein. Das Unternehmen selbst wollte dazu keine weitere Stellung nehmen.

Keiner dürfte mehr Gespür dafür haben, wenn etwas grundlegend schiefläuft, wie der Firmenpatriarch. Allerdings hat der nicht damit gerechnet, dass das Schreiben in die Öffentlichkeit dringen und damit auch die Gewerkschaft auf den Plan rufen würde. Denn der ist es schon lange ein Dorn im Auge, dass der riesige Konzern nicht über einen Betriebsrat verfügt, sondern nur über ein freiwilliges Gremium, den Vertrauensrat.

Würth hat mit dem Brief nicht nur seine operative Führung wie Marionetten aussehen lassen, sondern seinem Konzernchef eine für die Unternehmensführung unangenehme Diskussion über Mitbestimmung eingebrockt. Nach der Verurteilung wegen Steuerhinterziehung 2008, auf die er mit der Annahme der österreichischen Staatsbürgerschaft reagierte, bringt der eigenwillige Senior sein Unternehmen erneut unnötig in die Schlagzeilen.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Reinhold Würth: Ein Pionier zum Poltern"

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  • Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen das mit 8 Stunden Arbeit bei Würth es nicht getan ist. Dort wird erwartet das nach Feierabend also gegen 17-18Uhr ein Treffen (2 mal die Woche) in einer der Niederlassungen stattfindent wo dann solche Sachen wie Umsatz, neue Artikel, Strategien usw. besprochen werden, meist enden diese Meetings nach ca. 2-3 Stunden. Anschliessend wird man grosszügig zum Schnitzel essen eingeladen und kommt dann gegen 21-22 Uhr nach Hause. Es wird Anwesenheit vorausgesetzt! Am nächsten Morgen wieder um 7:00Uhr beim Kunden, Kontrollanruf vom direkten Vorgesetzen erfolgt in unregelmässigen Abständen. Un wehe wenn der Umsatz nicht stimmt, dann wird der Kontolltakt erhöht.
    Das mit dem Brief gibt es auch als Video, welches schon mal ein paar Tage vor Weihnachten bei den Aussendienst Mitarbeitern eintreffen kann. Na dann schöne Weihnachten für alle.
    Es gibt Statistiken für alles, jedes Detail wird festgehalten und monatlich ausgewertet und diskustiert.
    Um bei Würth die Karriere Leiter zu erklimmen muss man bereit sein viele Wochenenden zu opfern, freie Zeit gibt es dann nicht mehr viel.

  • demnächst darf dort nur noch mit Klettverschluß-Schuhen gearbeitet werden, damit das Binden der Schuhe während der Arbeitszeit entfällt...

  • Weniger Bilder kaufen und mehr in die Strategie Investieren dann wùrde man auch nicht soviel Steigerung benötigen und die Mitarbeiter würden Ihre vorgaben leichter erreichen.
    60 bis 70% der Zeit soll nur genutz werden ? Schulungen am Wochenenden , tanken , Angebote und Auftragseingabe nur am Abend zählt hier wohl nicht dazu .
    In Zeiten wie diesen kann man keine hohen Steigerungen erzielen , nur weil ma es immer schon geschafft hat.
    Irgendwann ist die Fahnenstange erreicht.

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