Rekordkaution
Meinl zahlt hohen Preis für Freilassung

Nach einer Nacht im Gefängnis ist der Wiener Banker Julius Meinl vorerst wieder auf freiem Fuss. Allerdings muss er wegen "akuter Fluchtgefahr" die spektakuläre Summe von 100 Millionen Euro als Kaution hinterlegen. Staatsanwälte werfen dem Unternehmer Untreue und Betrug vor.

WIEN. Gefängnis ist keine besonders angenehme Erfahrung. Auch für einen Banker und Unternehmer nicht, der völlig andere Lebensumstände gewohnt ist. Julius Meinl, der fünfte Julius an der Spitze des gut 150 Jahre alten Wiener Familienimperiums, will so schnell wie möglich wieder auf freien Fuß kommen. Deshalb hat sich der Multi-Millionär am Donnerstag auf ein spektakuläres Geschäft mit der Wiener Staatsanwaltschaft eingelassen: Er gibt seinen Pass ab und hinterlegt eine Kaution von 100 Millionen Euro, damit er keine Minute länger hinter Gittern bleiben muss. Das Geld kommt aus privaten Quellen, nicht von der Bank.

Am späten Mittwochabend hatte der Fall Meinl seinen jüngsten Höhepunkt erreicht. Julius Meinl V wurde nach stundenlangen Verhören durch die Staatsanwaltschaft verhaftet und musste die Nacht im Gefängnis verbringen. „Es bestand akute Fluchtgefahr“, begründete ein Sprecher der Staatsanwalt die spektakuläre Entscheidung, die ganz Österreich in Atem hält. Meinl besitzt einen britischen Pass und hätte sich nach Ansicht der Wiener Ermittler jederzeit auf die Insel absetzen können, um sich dem Zugriff der Staatsanwälte zu entziehen. Meinl ist einer der bekanntesten Unternehmer des Landes, die Lebensmittelprodukte der Wiener Meinl-Familie werden auch in Deutschland gern gekauft.

Unternehmenschef Julius Meinl wird von den Justizbehörden des Betruges und der Untreue verdächtigt, in Österreich kommt noch der in der Bundesrepublik unbekannte Vorwurf der „Provisionsschinderei“ dazu. Die Meinl-Bank in Wien soll in Österreich Zehntausende von Anlegern geschädigt haben, weil sie den Kurs ihrer Immobilien-Tochter Meinl European Land (MEL) zu Lasten der Investoren manipuliert habe. Die Ermittlungen in diesem Fall laufen schon seit fast zwei Jahren. Festnahmen oder konkrete Verdächtige gab es bislang allerdings nicht.

Offensichtlich scheint die Wiener Staatsanwaltschaft in den vergangenen Wochen entscheidende Fortschritte gemacht zu haben – sonst hätte sie den spektakulären Schritt gegen Meinl nicht gewagt. Mitte Februar sorgten die Ermittler für erste große Schlagzeilen, als sie die Zentrale der Meinl-Bank in der Wiener Innenstadt durchsuchten. „Wir haben gutes Material gefunden“, sagte damals einer der Staatsanwälte. Die Verhaftung des Unternehmenschefs legt nahe, dass sie Meinl jetzt eine unmittelbare Verantwortung im Fall der MEL–Marktmanipulationen nachweisen können.

Meinl-Anwalt Herbert Eichenseder wies alle gegen seinen Mandanten erhobenen Vorwürfe zurück. Die Verhaftung sei nach einem „mehrstündigen Verhör, wo viele Probleme ausgeräumt wurden“, für ihn „vollkommen überraschend“ gekommen, betonte der Rechtsanwalt.

Die Meinl-Bank wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Für sie ist die Verhaftung ihres Aufsichtsratschefs ein schwerer Schlag. Schon nach den Hausdurchsuchungen vom Februar mussten die Geldmanager mit dem damit verbundenen Vertrauensverlust kämpfen. Die Bank betonte in einer ersten Stellungnahme, dass die Verhaftung keine Auswirkungen auf das laufende Geschäft habe. Die Lage des Instituts sei stabil und die Einlagen seien sicher, teilte das Bankhaus mit.

Kontrahenten der Meinl-Bank hielten sich mit Stellungnahmen zu der Verhaftung nicht zurück. Insbesondere von privater Investoren-Seite kam klare Zustimmung für das harte Vorgehen der Wiener Justizbehörden. Anlegerschützer Wilhelm Rasinger, Präsident des österreichischen Interessenverbands für Anleger (IVA), äußerte „Genugtuung“ darüber, dass die Justiz nun „spät, aber nicht zu spät“ einen „wesentlichen Schritt zur Aufklärung der Meinl-Affäre“ setze.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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