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Denn sie wussten nicht, was sie taten

Seit dieser Woche muss der Ex-Enron-Chef aussagen. Bilanztricks? Niemals! Betrug? Nicht bei uns! Ken Lays heikle Prozess-Strategie.

HOUSTON. Die rote Krawatte sitzt tadellos über seinem hellblauen Hemd, der Gesichtsausdruck ist aufmerksam, die Stimme klar und deutlich. An seinem ersten Tag als angeklagter Zeuge im Gerichtssaal 9B von Houston/Texas beschreibt sich Kenneth Lay, 64, mit vielen Anekdoten als fürsorgliche Führungskraft und liebevollen Familienvater. Er erzählt von seinem Aufstieg aus armen Verhältnissen bis an die Spitze eines der größten Unternehmen des Landes. Die Botschaft an die Geschworenen ist klar: Hört her, hier ist er, der amerikanische Traum, den wir alle so herbeisehnen.

Die Strategie scheint zunächst nicht aufzugehen: Viele Zuschauer lachen mitunter über Lays Geschichten. Die Juroren indes verziehen keine Miene. Auch nicht, als es endlich um den Kern des Prozesses geht: die spektakuläre Pleite des US-Energiekonzerns Enron im Jahr 2001, dem Lay damals als Vorstandsvorsitzender diente.

Verschwörung, Betrug und Insider-Handel wirft die Anklage Lay und dem anderen früheren CEO Jeffrey Skilling, 52, vor. Die Konzernlenker sollen an milliardenschweren Bilanzierungstricks und Täuschungsmanövern beteiligt gewesen sein, die zum Kollaps von Enron führten.

Seit Montag dieser Woche steht nun Ken Lay erstmals im Zeugenstand und langweilt die Zuhörer nach seiner unterhaltsamen Familienhistorie nun mit langatmigen Ausführungen zu Enrons Finanzlage in den Monaten vor dem Bankrott. Selbst Richter Sim Lake ist genervt: "Nun machen Sie mal voran mit Ihrer Beweisführung!", herrscht er Lays Anwalt Mac Secrest an.

Zwei Geschworene in der ersten Reihe sind schon nach kurzer Zeit eingenickt. Erst als Secrest beginnt, bei seinen Fragen im Gerichtssaal auf und ab zu patrouillieren, öffnen sie kurzzeitig wieder die Augen. Lays Version der Vorgänge vor fünf Jahren lautet in etwa so: Vor allem Spekulanten und die Medien, allen voran das "Wall Street Journal", versetzten der grundsätzlich gesunden Firma mit ihrem Pessimismus den Todesstoß. "Wir waren überzeugt davon, dass das ,Wall Street Journal? eine Hexenjagd auf uns veranstaltete", beteuert Lay seine Unschuld.

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