Reto Francioni
Der Mannschaftsspieler bleibt Einzelkämpfer

Das Scheitern der Fusion von Deutscher und New Yorker Börse ist auch eine schmerzhafte Niederlage für Reto Francioni. Sie wird unangenehme Fragen für ihn zur Folge haben.
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DüsseldorfReto Francioni kann sich gut zurückhalten, und so trat er auch im Ringen um das Zusammengehen mit der New Yorker Börse Nyse wesentlich diplomatischer auf als deren Chef Duncan Niederauer. Zuletzt kämpfte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos intensiv um das gemeinsame Baby. Der ruhige Schweizer ist passionierter Angler – und dafür braucht man vor allem eine Eigenschaft: Geduld.

Doch was seine Expansionspläne als Chef der Deutschen Börse angeht, ist diese nach dem wiederholten Scheitern von Übernahmeplänen nun überstrapaziert. Das wird in der Pressemitteilung des Unternehmens deutlich, in welcher der Vorstand mit den harschen Worten zitiert wird: „Die Entscheidung der EU-Kommission basiert auf einer realitätsfremden verengten Marktdefinition.“

Die gescheiterte Fusion bringt Francioni in Erklärungsnot. Er begann seine Karriere 1986 im Börsen-Sektor der heutigen Schweizer Bank Credit Suisse. Später baute er den Schweizer Teil der heutigen Terminbörse Eurex auf und wechselte 1993 zur Deutschen Börse. Nach seinem Abgang als Vizechef wurde er im Jahr 2000 Vorstandschef des deutschen Online-Brokers Consors. 2002 wechselte Francioni als Präsident zur Schweizer Börse.

Von dort kehrte er zur Deutschen Börse zurück, diesmal an die Spitze. Er folgte dem von seinen eigenen Aktionären aus dem Amt geworfenen Werner Seifert. Der war mit seinem erneuten Versuch gescheitert, die Londoner Börse zu übernehmen.

Ein ähnliches Schicksal droht Reto Francioni zumindest nicht unmittelbar. Aber auf Dauer werden sich die Anteilseigner der Börse in einem von Konsolidierung geprägten Marktumfeld wohl kaum mit „Wachstum aus eigener Kraft“ begnügen, das die Börse nach der Ablehnung in Aussicht stellt - das sagt Francioni zum wiederholten Mal, diesmal mit den fast beschwörenden Worten: „Die Deutsche Börse ist gut gerüstet und hat genügend Kraft, um auch ohne die Fusion weiter zu wachsen und erfolgreich zu sein.“

Der Vater zweier Kinder gilt als Mannschaftsspieler. Zunächst muss er sich weiter als Einzelkämpfer durchschlagen. Mit dieser Rolle wird er sich aber nicht dauerhaft abfinden, denn er hat erkannt: „Immer mehr unserer Kunden sind global, und deshalb müssen auch Börsenbetreiber global aufgestellt sein.“ Der gescheiterte Zusammenschluss wird also für die Deutsche Börse nicht der letzte Fusionsversuch bleiben.

Tino Andresen
Tino Andresen
Handelsblatt.com / Reporter

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