Reuters-Chef Tom Glocer
Der nette Sanierer vor dem großen Sprung

Ein Revolutionär fährt die Früchte seines von oben verordneten Umbruchs ein: Tom Glocer, Nicht-Journalist und noch dazu Amerikaner, hat den britischen Informationskonzern Reuters saniert und darf nach der Fusion mit dem Konkurrenten Thomson auf dem Chefsessel des neuen Riesen Platz nehmen.

LONDON. Als Tom Glocer vor knapp sechs Jahren den Chefsessel der Reuters Group erklomm, wussten die Angestellten der britischen Institution, dass ihnen eine Kulturrevolution bevorstand. Der erste Amerikaner an der Spitze und noch dazu der erste Nicht-Journalist – konnte das gut gehen? Heute ist klar, dass das Experiment geglückt ist. Das Kaufangebot des kanadischen Rivalen Thomson ist kein Zeichen der Schwäche, sondern ein Beweis für wieder gewonnene Stärke. Das wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass Glocer nach vollzogener Fusion Chef des neuen Finanzinformationsriesen werden soll.

In den vergangenen Jahren hat der Manager das ehrwürdige Unternehmen Reuters gründlich umgekrempelt. Schon beim Amtsantritt tauschte der damals 41-Jährige das repräsentative, holzgetäfelte Büro des Vorgängers gegen ein relativ bescheidenes Eckbüro mit Glaswand und Blick auf die sprichwörtliche Londoner Zeitungsmeile Fleet Street ein. Inzwischen ist die ganze Zentrale in die Docklands umgezogen und sitzt dort in einem gläsernen Büroturm im Bankenviertel Canary Wharf – ein weiterer Bruch mit der Tradition.

Der hemdsärmelige, groß gewachsene Mann mit den dunklen, grau melierten Haaren um die hohe Stirn ist ein harter Sanierer, doch er tritt verbindlich auf. Auch wenn er nach einem Politikstudium an der Columbia University an der Elite-Uni Yale Jura studiert und als Anwalt und Fusions-Spezialist für die angesehene New Yorker Kanzlei Davis Polk & Wardwell gearbeitet hat, nimmt man ihm ab, dass er Qualitäts-Journalismus nicht nur als Kostenfaktor sieht.

Die Nachrichtenagentur Reuters ist schließlich die Keimzelle des Unternehmens, auch wenn das Geschäft mit Nachrichten für Medien heute nicht einmal mehr ein Zehntel des Konzernumsatzes ausmacht. Mit Brieftauben begann der Deutsche Paul Julius Reuter Mitte des 19. Jahrhunderts sein Geschäft mit der schnellen Verbreitung wirtschaftlich relevanter Informationen. 1851 gründete er seine Firma in London. Schnelligkeit und Genauigkeit sind noch immer Kern des Reuters-Geschäfts, und auch die Kunden sind wie damals Banken und Aktienhändler.

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