Rhetorik-Check 2015: Chefs lernen reden

Rhetorik-Check 2015
Chefs lernen reden

Die Spitzenmanager der größten deutschen Unternehmen hatten ihren Auftritt vor den Aktionären. Das exklusive Redner-Ranking des Handelsblatts überrascht – auch mit einem Trio auf Platz eins.
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DüsseldorfZum Abschied gelingt Norbert Reithofer ein rhetorisches Kunststück. Er findet sehr persönliche Worte: „28 Jahre lang war BMW meine Heimat. Für mich war es eine Ehre, diesem Unternehmen zu dienen.“ Oder er bekennt: „Ich habe es immer als Chance betrachtet, Ihnen die Leistungen und Perspektiven Ihres Unternehmens aufzuzeigen. Wir haben es durch schwieriges Fahrwasser gesteuert. Sie haben unsere Entscheidungen mitgetragen, haben immer fest an unserer Seite gestanden, verehrte Aktionäre. Wir kennen uns gut genug. Sie wissen: Wir halten, was wir versprechen. Das ist BMW.“

So lässt er bei den Zuhörern in der Münchener Olympiahalle das Bild eines starken Vorstandsvorsitzenden entstehen. Der zwar abtritt, dessen Team aber dennoch bestens für die Zukunft gerüstet ist. Was die eingestreuten Rekorde bei Absatz, Umsatz und Ergebnis belegen. Dabei kann sich der promovierte Ingenieur einen kleinen Seitenhieb auf Erzrivale VW nicht verkneifen: „Wir haben den Wechsel an der Spitze frühzeitig vollzogen – geräuschlos. Das ist BMW.“

Reithofer stellt die Aktionäre in den Mittelpunkt und erzeugt ein starkes Wirgefühl. Klare Botschaften in kurzen Sätzen. Kein Fachjargon – auch nicht, wenn es um Zahlen, neue Herausforderungen oder die Zukunftsstrategie geht. So erzielte der promovierte Ingenieur zum zweiten Mal hintereinander die höchste Punktzahl im alljährlichen Redner-Wettstreit der 30 Dax-Chefs. „Das ist exzellent. Besser geht es kaum“, sagt Frank Brettschneider. Der Kommunikationsexperte der Universität Hohenheim analysierte zum vierten Mal exklusiv für das Handelsblatt, welcher Chef der größten deutschen Unternehmen die verständlichste Hauptversammlungsrede hält.

Und die schönste Überraschung der Saison aus Sicht des Sprachwissenschaftlers: Nicht nur, dass sich die Verständlichkeit aller Reden erneut deutlich verbessert hat, sondern dass neben Reithofer gleich zwei weitere Konzernchefs punktgleich auf Platz eins gelandet sind: Auch Telekom-Chef Timotheus Höttges und Fresenius-SE-Chef Ulf Schneider reden Klartext. Marginal unterscheidet sich das Spitzentrio lediglich in Sachen Vortragsstil, da hat Reithofer knapp die Nase vorn.

Andererseits verwundert es den Experten, wie viele Vorstandschefs sich noch immer die einmalige Chance entgehen lassen, auf der Hauptversammlung ein breites Publikum für Unternehmen und Produkte zu erreichen. Zu den Negativbeispielen zählen die Chefs von Allianz und der Deutschen Börse, Michael Diekmann und Reto Francioni.

Die beiden traten dieses Jahr ebenfalls zum letzten Mal auf - ohne Glanz. Sie wurden Vorvorletzter beziehungsweise Letzter des Gesamtklassements. „Diekmanns und Francionis Reden lassen erneut die einfachsten Verständlichkeitsregeln außer Acht“, kritisiert Brettschneider. Vor allem auf den Börsenchef hagelt es Kritik: Finanzjargon wie „Derivateclearing“, den er zuhauf verwendet, ist nur für ein Fachpublikum verständlich. Auch Wörter wie „Marktinfrastrukturregulierung“ erschweren das Verständnis. Und für seine verantwortungsverschleiernden Passiv-Konstruktionen ist Francioni geradezu berüchtigt. Auch in diesem Jahr gab es wieder Punktabzug für Sätze wie diesen: „Auch wenn das Bezugsrecht lediglich für Spitzenbeträge ausgeschlossen werden kann, verlangt das Gesetz, dass der Vorstand einen Bericht zum Bezugsrechtsausschluss abgibt.“

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