Rhetorik-Ranking
Klartext statt Kauderwelsch

Bandwurmsätze und Fachbegriffe: Die Chefs der größten deutschen Unternehmen haben ihre Reden bei den Hauptversammlung gehalten. Eine exklusive Auswertung des Handelsblatt zeigt, wer es kann und wer noch üben muss.
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DüsseldorfAn dieser Stelle seiner 43-minütigen Rede vor den versammelten BMW-Aktionären kann sich der so ernste Konzernchef Norbert Reithofer nicht mehr bremsen. „Noch nie bin ich auf dem Weg nach Hause so oft fotografiert worden. Vor allem nicht von Porsche-Fahrern“, erzählt der promovierte Ingenieur seinem Publikum in der Münchner Olympiahalle von seinen Testfahrten mit dem brandneuen BMW i8-Sportwagen und grinst dazu schelmisch. Das Publikum goutiert Reithofers persönliche Anekdote, johlt begeistert über den feinen Seitenhieb auf die Konkurrenz aus Zuffenhausen, mit der der Vorstandsvorsitzende auf der Jahreshauptversammlung geschickt zur Zukunftsperspektive des bayerischen Automobilherstellers überleitet.

Natürlich geben die wirtschaftlichen Erfolge dem promovierten Ingenieur Selbstsicherheit, die er im siebten Jahr an der Unternehmensspitze auch auf der riesigen Hauptversammlungsbühne immer stärker ausstrahlt. Aber viel wichtiger noch als der Vortragsstil war die vollkommene Verständlichkeit seiner Rede.

Reithofer weiß um die Wirkung: „Die Hauptversammlung bietet eine perfekte Gelegenheit, unsere Aktionäre umfassend zu informieren: Was haben wir erreicht? Vor allem aber wollen wir aufzeigen, wie das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt ist. Eine klare Sprache und Transparenz sind dabei für uns sehr wichtig. Denn: Verständlichkeit schafft Vertrauen“, sagt er.

„Das ist vorbildlich“, findet Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. „Eine klar gegliederte Rede, kurze Sätze, gebräuchliche Begriffe - damit hat es Reithofer verdient auf Platz eins im diesjährigen Redner-Ranking der 30 DAX-Chefs geschafft“, sagt der Kommunikationswissenschaftler. Alljährlich prüft die Universität Hohenheim exklusiv für das Handelsblatt, wie verständlich die Ansprachen der Vorstandschefs der größten deutschen Unternehmen vor ihren Aktionären ausfallen.

Plakative Botschaften, deutliche Worte à la „Autos stehen für Wachstum und Wohlstand“ oder „jeder 7. Arbeitsplatz hängt in Deutschland von der Fahrzeugindustrie ab“ versteht jeder.

„Der BMW-Vorstandschef hat kaum Fachbegriffe verwendet. Dafür versteht er es, an den richtigen Stellen lebensnahe Beispiele zu bringen“, sagt Brettschneider über die exzellente Leistung der neuen Nummer eins. So ist „Mobilitätsunternehmen“ schon das komplizierteste Wort in Reithofers Rede. Wenn Anglizismen wie „Efficient Dynamics“ fallen, erläutert er sofort, dass damit „weniger Verbrauch bei mehr Leistung“ gemeint ist. Und die Konzernstrategie „Number One“ beschreibt er anschaulich als „die Leitplanken unseres Handelns bis 2020“. Eine Zuhörerin konstatiert zufrieden: „Reithofers Vortrag ist angenehm zu verfolgen.“ Zumal auch einige wenige, dafür aussagekräftige Einblendungen auf der Großleinwand hinter ihm seine Rede flankieren.

Kleiner Wermutstropfen: Reithofer hängt stark am Blatt auf seinem Pult. Er verzichtet bei seinem Vortrag auf Teleprompter. Beim Vorlesen des Manuskripts muss er daher immer auf und niederschauen, anstatt seinen Blick ruhig vom einen zum nächsten Teleprompter über das Publikum schweifen zu lassen, wie es zum Beispiel Managerkollegen wie Continental-Chef Elmar Degenhart oder Henkel-Chef Kasper Rorsted tun.
Dennoch: ein gelungener Auftritt. Das Ergebnis ist aber keineswegs überraschend. Galt der BMW-Chef doch als einer der Favoriten im Rednerring. Immerhin hatte der 58-Jährige 2013 mit Platz vier nur knapp das Siegertreppchen verpasst.

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