Management
Rhodias Kapitän sucht den Kampf

Manch einer wird nicht zum Kämpfer geboren, er wird dazu gemacht. Zum Beispiel Jean-Pierre Tirouflet, Vorstandschef der französischen Chemiegruppe Rhodia, die gegenwärtig in ernsten Schwierigkeiten steckt. Er lief erst vor kurzem im Tumult der Hauptversammlung seines Unternehmens zur Hochform auf, bei der ihn ein Club von Großaktionären aus dem Amt jagen wollte, vor denen wohl jeder andere kapituliert hätte.

PARIS. Der belgische Investor Albert Frère, dessen Kollege Hugues de Lasteyrie, der Ex-Lazard-Gesellschafter Edouard Stern sowie der US-Fonds Tweedy Brown hatten rund ein Drittel der Aktionäre hinter sich versammelt, in Frankreich üblicherweise genug, um ein Management zum Abtreten zu bewegen. Doch Tirouflet, den seine Gegner für nicht wetterfest hielten, bot seinen Gegnern die Stirn. Der 52 Jahre alte Manager warf nicht nur die Aktienpakete aller seiner Manager gegen die Meuterer in den Kampf, sondern auch seine Prinzipien: „Ich bin der Kapitän auf diesem Schiff“, schleuderte er ihnen vor den versammelten Anteilseignern entgegen. „Und ich bevorzuge ein Schiff in schwerer See – an einem vergoldeten Dampfer liegt mir nichts.“

Das sind völlig ungewohnte Töne für den manierlichen Tirouflet, Spross einer französischen Bürgersfamilie, deren Wurzeln sich irgendwo im 16. Jahrhundert in einem Weiler bei Bordeaux verlieren. Tirouflet war immer einer der Sonnyboys in Pariser Managementkreisen: stets perfekt gekleidet, blitzgescheit, immer charmant im Umgang, bei Besprechungen von selbstsicherer Gelassenheit.

So schaffte er nach der Schule gleich den Sprung an die renommierte Universität Sciences Po. Anschließend bekam er an der ENA, der Kaderschmiede der Nation, den letzten Schliff. Von da ging Tirouflet, der aus den Schriften Friedrichs des Großen mehr gelernt haben will als aus der Managementliteratur, in den Staatsdienst, hielt aber stets Kontakt zur Wirtschaft. Als 1983 der Sozialisierungsrausch der Ära Mitterrand in einen Kater umschlug, überraschte Tirouflet mit einem Œuvre, das Staat und Wirtschaft vereinte. Titel: „Elemente der politischen Ökonomie“.

Mitte der achtziger Jahre wurde Tirouflet dann von einem entdeckt, der mit Staatskarrieren nichts am Hut hatte. Jean-René Fourtou, nach einer langen Beraterkarriere Chef des Chemie- und Pharmakonzerns Rhône-Poulenc, holte Tirouflet in seine Finanzabteilung. Dort zeigte der noch nicht einmal 40 Jahre alte Schlacks den alten Fahrensleuten, wie sich nur durch etwas Nachdenken aus Geld mehr Geld machen ließ. Seine kreativen Finanzmontagen wurden schnell als „Tiroufletterien“ bekannt. Und Fourtou machte ihren Urheber mit 42 Jahren zum Finanzchef des Konzerns.

„Er war absolut nicht der Kandidat, auf den man gesetzt hatte“, sagt derjenige, der die Beförderung damals verkünden musste. Tirouflet wurde bald Arroganz nachgesagt. Doch war es wohl eher sein Selbstverständnis als Pariser ENA-Elitekader, dass Persönliches in der Firma einfach nichts zu suchen habe.

So ist Tirouflet bis heute nur selten in Begleitung seiner Frau bei offiziellen Anlässen zu sehen. Seine fünf Kinder, von denen die ältesten schon aus dem Haus sind, sind für die Öffentlichkeit tabu. In den Winterferien zieht er sich in sein Haus in Österreich zurück, im Sommer zieht es ihn in den Süden. Er spielt Golf und Tennis, um fit zu bleiben, und geht auf die Jagd. Dabei stellt er aber weder gut aussehenden Hostessen noch afrikanischem Großwild nach, wie das manch andere Bosse tun sollen. Schlagzeilen sind Tirouflets Sache nicht.

Es sei denn, es geht um Rhodia. Der Konzern ist sein Projekt, installierte ihn sein Förderer Fourtou doch schon zwei Jahre vor der Abspaltung auf den Chefsessel der Sparte. So hätte es Tirouflet selbst in der Hand gehabt, Rhodia schon vor dem offiziellen Stapellauf so aufzustellen, dass die Chemiegruppe später am Markt bestehen konnte.

Doch vom ersten Ergebnis an schrieb Rhodia hohe Goodwill-Summen ab, obwohl das Unternehmen noch gar nicht zugekauft hatte – ein Hinweis auf bilanzielle Hinterlassenschaften der Mutter Rhône-Poulenc. Seit Beginn lag Rhodias Ertragskraft weit unter dem Branchendurchschnitt. Doch Tirouflet wollte gestalten und gab auch noch Milliarden bei Akquisitionen aus, kaum dass Rhodia selbstständig war.

So lief die mit Schulden überladene Gruppe, immerhin Frankreichs größter börsennotierter Chemiekonzern, in der Konjunkturflaute auf Grund. Rhodias Anleihen werden heute als Junk Bonds gehandelt. Die Aktie notiert bei einem Fünftel ihres Emissionskurses. Der Finanzjongleur auf der Brücke weiß, dass Tiroufletterien nicht mehr helfen. Fieberhaft arbeitet er an einem Sanierungsplan. Er wird alles Überflüssige über Bord werfen müssen.

Denn die Herren Frère, Lasteyrie und Stern haben nach ihrer Niederlage bei der Hauptversammlung den Gedanken an Meuterei nicht aufgegeben. Auf Hilfe seines Förderers Fourtou kann Tirouflet nicht mehr bauen. Der ist heute an der Seite von Frankreichs Finanzpapst Claude Bébéar mit den Meuterern im Bunde.

Und auch seine Lässigkeit kann sich Tirouflet nicht mehr leisten. „Er hat sich völlig verändert, er ist kämpferisch geworden“, sagt ein Vertrauter. Rat holt sich Tirouflet dabei wieder einmal beim Alten Fritz. Der Preußenkönig urteilte seinerzeit über einen französischen Kardinal und Diplomaten: „Er scheiterte, weil er von Frieden sprach.“

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