Richard Oetker
Oetker: Der bekannte Unbekannte

Richard Oetker mied nach seiner Entführung lange Zeit die Öffentlichkeit und wirkte lieber im Hintergrund. Jetzt rückt er an die Spitze des Bielefelder Familienkonzerns - und ins Rampenlicht. Der studierte Diplom-Braumeister wird der mächtigste Mann der Gruppe.

BIELEFELD. In einem scheinbar unbeobachteten Augenblick legt Richard Oetker seine Hände wie zum Gebet zusammen und drückt sie fest aneinander. Der Blick des 58-Jährigen schweift nach oben, Richtung Saaldecke. Die ganze Körperhaltung des groß gewachsenen Mannes signalisiert eine Bitte: "Herr im Himmel, hilf!"

Doch dann geht ein Ruck durch die kräftige Statur, ein gewinnendes Lächeln erscheint auf seinen Lippen, und Richard Oetker weiß wieder, wo er sich befindet. Keinen Moment zu früh. Schon prasselt ein Blitzlichtgewitter auf ihn nieder. Denn der Mann, der in der Öffentlichkeit vor allem als prominentes Entführungsopfer in Erinnerung ist, wagte sich vergangene Woche zum ersten Mal auf den schonungslosen Präsentierteller einer Pressekonferenz.

Noch ein wenig ungelenk posiert er in der Bielefelder Konzernzentrale mit seinem mediengewandten Bruder August und dem Rest der Geschäftsführung der Dr. Oetker GmbH für ein Gruppenbild.

Richard Oetker weiß, dass er sich an diese Situationen gewöhnen muss. Denn schließlich wird er ab Januar, wenn sich sein älterer Bruder nach Erreichen der Altersgrenze vom operativen Geschäft in den Beirat verabschiedet, der oberste Repräsentant des Bielefelder Mischkonzerns. Eines Konzerns, der sein Geld in vielen Sparten verdient, vom Bankgeschäft über Bier und Backpulver bis hin zur Schifffahrt.

Der grauhaarige, studierte Diplom-Braumeister wird zum Herrscher über ein Konzernimperium mit einem jährlichen Umsatz von fast acht Milliarden Euro und weltweit mehr als 22 000 Mitarbeitern.

Daher will er erklären, warum er sich über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten nach seiner spektakulären Entführung im Jahr 1976 und dem darauf folgenden Prozess fast komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. "Ich wollte nicht zum Gegenstand der öffentlichen Unterhaltung werden", sagt er später in kleiner Runde, in der Oetker das Thema seiner Entführung selbst aufgreift. Im Hintergrund habe er aber immer alle strategischen Entscheidungen des Unternehmens mit vorbereitet, sagt er, um schon vorab mögliche Kritiker zu beruhigen.

Zur Erinnerung: Richard Oetker wird im Dezember 1976 als 25-Jähriger Opfer eines Verbrechens, das als "Die Oetker-Entführung" in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen ist. Der damalige Student wird auf dem Parkplatz der Universität in Freising verschleppt und 48 Stunden später gegen Zahlung eines Lösegeldes von 21 Millionen D-Mark (10,7 Millionen Euro) wieder freigelassen. In der Gefangenschaft erleidet Richard Oetker lebensgefährliche Verletzungen.

Lange Jahre kann er sich nur noch mit Krücken fortbewegen. Nach mehreren Operationen und dank eiserner Selbstdisziplin, der sich Richard Oetker unterwirft, machen sich die Verletzungsfolgen heute äußerlich nur noch durch ein leichtes Hinken bemerkbar.

Der Entführer, der Münchener Gebrauchtwagenhändler Dieter Zlof, wird drei Jahre später bei dem Versuch gefasst, das erpresste Geld in Umlauf zu bringen. Zlof erhält für seine Tat eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Oetker, dem Prozessbeobachter bescheinigen, man könne sich als Opfer einer Tat "nicht fairer, nicht menschlicher verhalten", zieht sich daraufhin komplett aus dem öffentlichen Leben zurück.

Beruflich übernimmt er eine Aufgabe in der Geschäftsführung der Lebensmittelsparte "Dr. Oetker". Sein Bruder August folgt schließlich wie geplant dem Vater Rudolf-August Oetker als ältester Sohn an die Spitze des Konzerns. Privat widmet sich Richard Oetker ganz der Opferschutzorganisation "Weißer Ring", die er mit seinem unfreiwillig erworbenen Wissen unterstützt.

Das Opfer von einst hat aber inzwischen vieles von seiner ursprünglichen Unbeschwertheit wiedergewonnen. Schon über den Lausbub Richard sagt seine älteste Schwester Rosely: "Er war ein fröhliches Kind."

Im Gegensatz zu seinem Bruder August, der mit zunehmendem Alter immer aristokratischer wirkt, hat Richard Oetker den Basiskontakt nie verloren. Als Personalchef genießt er in der Nahrungsmittelsparte des Konzerns, für die er zuständig ist, die Zuneigung und das Vertrauen der Belegschaft. "Wir werden auch in Krisenzeiten keine Kurzarbeit einführen oder die Mitarbeiterzahl reduzieren", kündigte Oetker auf der Bilanz-Pressekonferenz am vergangenen Dienstag wie selbstverständlich an. Diese Firmenöffentlichkeit hat ihm bislang immer genügt.

Warum wagt er jetzt doch noch den Schritt ins Rampenlicht?

"Ich bin da hineingerutscht", sagt Oetker und bestätigt damit indirekt, dass ursprünglich ein anderer auserkoren war, das Familienunternehmen zu führen.

Lange Zeit galt der 41-jährige Halbbruder Alfred als Kronprinz von August Oetker. Doch die Familie schreckte offenbar vor einem abrupten Generationswechsel an der Unternehmensspitze zurück.

Auch nach Richards Amtsantritt als Konzernchef im Januar 2010 will Bruder August noch weitere zehn Jahre als Vorsitzender des Firmenbeirats in Bielefeld Einfluss nehmen. Bei passender Gelegenheit wird er die Familienmitglieder an das Versprechen erinnern, das sie dem verstorbenen Vater gaben: "Unternehmensinteressen gehen stets vor eigenen oder Familieninteressen."

Richard Oetker

1951 Der Sohn des Fabrikanten Rudolf-August Oetker kommt in Bielefeld zur Welt. Er studiert Brau- und Agrarwissenschaften im bayerischen Freising.

1976 Oetker wird am 14. Dezember auf dem Universitätsgelände entführt. Er kommt erst frei, als seine Familie 21 Millionen D-Mark Lösegeld bezahlt.

1996 Er steigt zum Mitglied der Geschäftsführung des Oetker-Konzerns auf. Er treibt das Osteuropageschäft voran und ist unter anderem für Italien, die Schweiz und Österreich verantwortlich.

2008 Die Oetkers kündigen an, dass Richards älterer Bruder August in den Beirat wechselt und Richard Oetker als persönlich haftender Gesellschafter die Leitung des Familienkonzerns übernimmt.

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