Richter sind auch Verbraucher
Auch Internet-Werbung hat Grenzen

Der Verbraucher ist ein ziemlich mysteriöses Wesen. Nicht nur Konsumwirtschaft und Werbeagenturen zerbrechen sich den Kopf über seine Bedürfnisse und Sehnsüchte. Auch die Gerichte versuchen, ins Innerste des konsumierenden Menschen hineinzublicken - und zwar dann, wenn sie entscheiden müssen, ob Werbung irreführend ist oder nicht.

HB/lg KARLSRUHE. Wie nimmt jemand eine Reklamebotschaft auf, was davon versteht er, wo übersieht er den Haken an der Sache? Dabei haben es die Richter in jüngster Zeit mit der Frage zu tun, ob ein neuer Verbraucher die Szene betreten hat - der Internetnutzer, der nicht mehr passiv mit Plakaten und Anzeigen konfrontiert wird, sondern sich aktiv durchs Netz klickt. Ist so einer irgendwie aufmerksamer als der gute alte Otto Normalverbraucher?

Dieser Verdacht war etwa nach einem 2003 ergangenen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur Klinikwerbung im Internet aufgekommen. Dort heißt es: "Internetwerbung wird typischerweise von solchen Patienten zur Kenntnis genommen, die nicht unaufgeordert durch Werbung beeinflusst werden, sondern sich selbst aktiv informieren." Auch andere Gerichte ließen anklingen, dass die gezielte Suche im Web mehr Zuwendung erfordert als die beiläufige Aufnahme alltäglicher Werbebotschaften.

Der Bundesgerichtshof (BGH) dagegen hält nichts von der Einführung einer gänzlich neuen Kategorie von Verbrauchern. Allein die Tatsache, dass der Internetnutzer aktiv eine - an sich passive - Darstellungsform aufruft, "rechtfertigt als solche nicht die Zugrundelegung eines anderen Verbraucherleitbildes", heißt es im jüngst veröffentlichten Epson-Urteil. Zugleich hat der Wettbewerbssenat jedoch eine Formel gefunden, die den Besonderheiten der Informationssuche am Bildschirm Rechnung trägt. Er stellt nicht mehr auf den flüchtigen Betrachter ab, sondern auf denjenigen Verbraucher, "der sich der betreffenden Werbeangabe mit der situationsbedingten Aufmerksamkeit zuwendet".

Ob Werbeangaben irreführend sind, beurteilt sich damit beim Internetnutzer, der sich durch zahlreiche Links klicken muss, nicht anders als beim Leser eines umfangreichen Prospekts. So war das auch im Epson-Fall: Ein Unternehmen warb im Internet für Druckerpatronen, darunter auch solche, die für Epson-Drucker verwendbar waren. Der potenzielle Kunde traf nach mehreren Klicks auf Patronen, die neben der Angabe des Druckertyps auch den Hinweis "kompatibel" trugen. Dass damit freilich Patronen anderer Hersteller gemeint waren, konnte er nur bei aufmerksamer Suche auf einer eigenen Info-Seite feststellen.

Seite 1:

Auch Internet-Werbung hat Grenzen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%