Risiko-Management
Der streitlustige Aufpasser

Die schlimmste Finanzkrise seit Jahrzehnten scheint weniger aus fehlender Kreativität zu resultieren, als vielmehr aus einem Mangel an gesundem Menschenverstand. Nun erlebt das Risikomanagement in den Banken eine Renaissance. Ob sie von Dauer ist, bezweifeln nicht nur die Experten.

MÜNCHEN. "Ich streite mich leidenschaftlich gern", sagt Henning Giesecke. Und meint das ernst. Dabei schaut der 48-Jährige nicht wie ein Streithahn aus. Ganz im Gegenteil. Freundlich, etwas reserviert, aber durchaus mit Humor. Die grau-blonden Haare gescheitelt, freilich nicht überakkurat. Und um die Augen feine Lachfalten. Sollte man dem Banker ein Attribut zuschreiben, wäre es Ausgeglichenheit. Henning Giesecke ruht in sich.

In seinem Fall ist das keine Selbstverständlichkeit. Denn auf seinen Schultern lasten etwa 750 Milliarden Euro. Anders dargestellt: 750 000 000 000 Euro. Gut das Zweieinhalbfache des Bundeshaushalts. So groß ist das Kreditbuch von Unicredit, Europas viertgrößter Bank. Giesecke ist im Top-Management der Italiener zuständig für die Überwachung der Risiken - im Finanzchinesisch der Bankenwelt Chief Risk Officer (CRO) genannt. Konkret heißt das: Letztlich trägt im Zweifelsfall er die Verantwortung, ob die Bank einen Großkredit ablehnt oder vergibt. Ob und in welchem Umfang sie in japanische Autoaktien investiert oder ob sie auf sinkende Zinsen in den USA wettet. Oder aber eben, ob sie lieber die Finger davon lässt, weil es zu riskant erscheint.

Giesecke selbst bezeichnet sich als entscheidungsfreudig. Vielleicht ist das ja einer der Gründe dafür, dass er - wie er selbst sagt - keine Schlafprobleme kennt. Und am Wochenende in den Bergen oder im Urlaub beim Tauchen Kredite und Kurse komplett ausblenden kann. Womöglich hängt es aber auch zusammen mit Gieseckes Bereitschaft zu streiten. Nicht auf einer persönlichen Ebene, sondern sachlich. Wenn es sein muss, auch heftig. "Ich lasse mich gern von guten Argumenten überzeugen", sagt der Unicredit-Manager. "Aber wenn ich ?Nein? sage, dann ist das auch ein ?Nein?." Da lässt sich für einen kurzen Augenblick die Streitlust erahnen.

Seit Mitte vergangenen Jahres wird mehr und mehr deutlich, dass viele von Gieseckes CRO-Kollegen offenbar nicht streitlustig genug waren. Dass sie zu oft "Ja" und zu selten "Nein" gesagt haben. Dass sie zu sehr auf Rechenmodelle, Erfahrungswerte aus der Vergangenheit und Urteile Dritter wie der nun viel gescholtenen Ratingagenturen vertraut haben. Und dass manch einer den Verstand ausgeschaltet hat, während die Gier die Kontrolle übernahm.

Das Ergebnis ist die - so weit ist man sich mittlerweile einig - schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht sogar seit der großen Depression in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nur um Haaresbreite ist das weltweite Finanzsystem bisher am Kollaps vorbeigeschrammt. Und ob diese Gefahr tatsächlich bereits gebannt ist, kann keiner zuverlässig sagen. Sicher ist nur, dass es mit den mittlerweile über 500 Milliarden Dollar an Abschreibungen von Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern noch lange nicht getan ist. Zu umfangreich waren die Zockereien, die von vielen Instituten unterschätzt wurden, zu lange wurde mit zu hohem Einsatz gespielt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält Verluste von 1,1 Billionen Dollar für realistisch.

Seite 1:

Der streitlustige Aufpasser

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%