Rodier hat Engens Schwachstelle sofort erkannt
Zwei ungleiche Duellanten

Alcan-Chef Travis Engen und Pechiney-Sanierer Jean-Pierre Rodier streiten über die Fusion der beiden Konzerne.

PARIS/TORONTO. In Paris sitzen sich zwei Manager zu einem Arbeitsessen gegenüber, bei dem es um Sein oder Nichtsein geht. „Here’s to you!“ Nach den Honneurs eröffnet Travis Engen, Chief Executive Officer des kanadischen Aluminiumkonzerns Alcan, seinem Gegenüber Jean-Pierre Rodier, Président Directeur Général des Aluminiumkonzerns Pechiney, dass er dessen Unternehmen schlucken will. „Santé!“

Die beiden Männer, die es in der Hand haben, den führenden Aluminiumkonzern der Welt zu schmieden, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Amerikaner schneidet seinen Salat energisch, der Franzose faltet die Blätter kunstvoll zusammen. Vielleicht sind sie sich auch deshalb nicht darüber einig, ob sie die Fusion überhaupt wollen. „Okay?“ fragt Engen. Rodier antwortet schmallippig: „Das bedeutet eine feindliche Übernahme.“

Aber Travis Engen wäre nicht Travis Engen, wenn er deswegen gleich aufgegeben hätte. Wo der Ex-ITT-Manager schon mal in Paris war, stellte er seinen Plan am Montag vergangener Woche gleich der Wirtschaftspresse vor – ohne sich groß um Rodiers Nein zu kümmern.

Den Freizeit-Motorsportler Engen, der auf seinem 1963er Lotus 23B noch Ende Juni bei einem Rennen in der Nähe von Toronto allen davonfuhr, treibt auch im Geschäft sportlicher Ehrgeiz. „Engen spielt, um zu gewinnen“, sagt man bei Alcan in Montreal über den 59 Jahre alten Kalifornier, der seit 1996 im Aufsichtsrat des Aluminiumkonzerns sitzt und vor zwei Jahren den Frankokanadier Jacques Bougie als Vorstandschef ablöste.

Engen will vollenden, was seinem Vorgänger von EU-Kartellwächter Mario Monti versagt worden war: Bereits damals wollte Bougie die drei Konzerne Alcan, Pechiney und die Schweizer Algroup verschmelzen. Aber Monti sah die Monopolgefahr. So musste sich Bougie mit der Algroup zufrieden geben.

Doch die Chance, die drei Alu-Konzerne der zweiten Reihe friedlich zum Marktführer zu vereinen, ist wohl unwiederbringlich dahin. Damals ging die Initiative wesentlich von Rodier aus. Alcan-Boss Bougie sagte beherzt „Oui“ – vielleicht auch, weil die Chemie zwischen den beiden Französisch sprechenden Chefs stimmte. Denn schon damals war Alcan erheblich größer als Pechiney. Auch die Schweizer hatten nichts dagegen, dass die fusionierte Gruppe von Rodier operativ geführt werden sollte und wohl ein sehr französisches Unternehmen werden würde.

Bougie erkannte die Managementleistung des in Reims geborenen Bergbauingenieurs Rodier an. Der Franzose mit dem Schliff der Elitehochschulen des Landes hatte mit der Sanierung von Pechiney schon zum dritten Mal gezeigt, dass er ein Alu-Unternehmen vom Kopf auf die Füße stellen kann.

Der heute 56-Jährige ist kein Freund von Auftritten vor größerem Publikum. Es ist ihm zuwider, lärmend zu werben. Er will leise und beharrlich überzeugen. Das hindert ihn nicht, seine Pläne knallhart durchzusetzen, wenn seine Aktionäre hinter ihm stehen. Unter Gewerkschaftern ist Rodier gefürchtet, der Anfang der achtziger Jahre immerhin Frankreichs sozialistischen Premier Pierre Mauroy beriet. Auch für Engen dürfte er zu einem harten Brocken werden.

Denn Rodier ist überzeugt, dass sein Widersacher den französischen Konzern einsacken, zerschlagen und dann mit dessen Kapazitäten den größeren US-Konkurrenten Alcoa übertrumpfen will. Mit diesem verbindet Alcan eine heiße Rivalität, seit beide 1928 aus der Northern Aluminium Co. hervorgingen.

Engen könnte Pechineys Schmelzen in Norf und Neuf Brisach, sogar die Verpackungssparte der Franzosen zu Geld machen, um den Pechiney-Deal zu finanzieren. Denn davon hat der kanadische Alu-Riese keineswegs überreichlich. So schließt der forsche Amerikaner bisher kategorisch aus, seine Offerte von rund 3,4 Milliarden Euro in Cash und eigenen Aktien zu erhöhen – auch wenn die Aktie an der Börse längst mehr Wert ist.

Rodier hat Engens Schwachstelle sofort erkannt. Da der Pechiney-Chef erst vor kurzem beim Kauf von Corus Alu gescheitert ist und gegen Alcan kaum auf die rettende Hilfe eines Weißen Ritters aus der Branche rechnen kann, machte er einen anderen Schachzug: Letzte Woche übernahm er Aluminium Dunkerque. So steigerte er Pechineys Schmelzkapazität um rund ein Fünftel – und den Wert des Konzerns auf mindestens 4,8 Mrd. Euro. Damit ist Engens erste Synergierechnung wohl Makulatur.

Jetzt muss der Angreifer, erneut versuchen, Rodier zu überholen. „Engen ist ein sehr guter Rennfahrer“, sagt Mike Rosen, Präsident der Vintage Automobil Racing Association of Canada: „Wir fahren, weil es Spaß macht, nicht für Geld.“

Das ist beim Rennen um Pechiney ganz anders. Engen muss sich gründlich überlegen, ob er einen weiteren Angriff auf Pechiney startet. Dafür müsste er seinen Rennwagen aufmotzen. Das wäre teuer.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%