Rodrigo de Rato
Währungsfonds verliert Chef in schwieriger Zeit

Nur Tage nach dem Ende der Führungskrise an der Spitze der Weltbank steht nun auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor einem Personalproblem. Überraschend kündigte am Donnerstag IWF-Chef Rodrigo de Rato seinen Rücktritt für Oktober an.

WASHINGTON. Offiziell nannte IWF-Chef Rodrigo de Rato für seine Entscheidung persönliche Gründe und verwies auf seine familiären Verpflichtungen, vor allem die Erziehung seiner Kinder. Im Umfeld des Fonds wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass politische Ambitionen in Spanien ausschlaggebend sind.

Rato war unter dem konservativen spanischen Premierminister José Maria Aznar mehrere Jahre lang Wirtschaftsminister. 2004 folgte er auf Horst Köhler, den heutigen Bundespräsidenten, als Managing Director des IWF. Ratos Amtszeit beim IWF wäre normalerweise erst im Frühjahr 2009 abgelaufen. Nun aber wird der 58-jährige Spanier bereits vorzeitig nach der Herbsttagung des Währungsfonds im Oktober zurücktreten.

Es sei immer klar gewesen, „dass Rato auch weiterhin Interesse an der spanischen Politik hat“, sagte etwa der langjährige IWF-Experte John Williamson vom Washingtoner Peterson-Institut für Internationale Ökonomie. Vermutungen in die gleiche Richtung stellte am Donnerstag auch Adam Lerrick vom American Enterprise Institut an: „Rato ist ein sehr kluger und geschickter Politiker“, sagte Lerrick, der einst an dem Melzer-Report zur Reform von IWF und Weltbank mitarbeitete. „Und es gab keinen offensichtlichen Druck auf ihn, jetzt bereits zu gehen.“ Andere Beobachter sagen auch, es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass Rato in Spanien nach Höherem strebe und sich nun für die nächsten Nationalwahlen 2008 vorbereite.

Zwar war immer wieder Kritik zu hören, dass der IWF seine Reformen zu langsam anpacke. Doch immerhin waren unter Rato einige entscheidende Weichenstellungen eingeleitet worden, wie etwa die Quotenreform und die Überlegungen zur Eigenfinanzierung des Währungsfonds. Auf der Herbsttagung im Oktober in Washington sollen weitere Veränderungen beschlossen werden. Nun könnte im Vorfeld jedoch vor allem die Debatte über die Nachfolge Ratos die Finanzorganisation beherrschen.

Nach dem Abgang von Paul Wolfowitz an der Spitze der Weltbank war heftig darüber diskutiert worden, ob das ungeschriebene Gesetz, dass jeweils ein Amerikaner die Weltbank und ein Europäer den IWF führt, so auch in Zukunft beibehalten werden könne. Mit der Wahl von Robert Zoellick blieb man bei der Weltbank zwar dieser Tradition noch ein weiteres Mal treu. Doch eröffnet nun der vorzeitige Wechsel beim Währungsfonds die Möglichkeit, einen Bruch mit diesem Prinzip einzuleiten. „Es könnte gut sein, dass wir hier bald eine Änderung erleben“, sagte Williamson.

Beide Bretton-Woods-Institutionen, die in den 40er-Jahren gegründet worden waren, befinden sich seit geraumer Zeit in einer Krise. Während die Weltbank durch konkurrierende Geberorganisationen insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent herausgefordert wird, ist der IWF derzeit so wenig gefragt wie nie zuvor. Länder, die sich in Krisen einst an den IWF wandten, um sich mit Finanzmitteln auszustatten, können dies heute leichter als früher auf den Kapitalmärkten tun. Zudem hat die lange Phase weltwirtschaftlichen Aufschwungs die Rolle des IWF als Retter in der Not spürbar reduziert.

Der IWF ist zuletzt in die Kritik geraten, weil die Stimmen von Schwellenländern wie Brasilien, Indien und China nicht dasselbe Gewicht haben wie die reicher Staaten. Anfang des Monates erließ der IWF neue Richtlinien für die Währungspolitik, mit der die USA mehr Druck auf China ausüben wollen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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