Rodrigo Rato im Porträt
Das späte Glück der Niederlage

Am Tag seines Abschieds ist Rodrigo Rato Figaredo überraschend gut gelaunt. Dabei ist es Sonntag und nicht einmal 11 Uhr – zu früh für Madrid. Wie ausgestorben liegt die spanische Hauptstadt da, aber Rato hat einen Termin. Den Wagen steuert er selbst, das Ziel ist bekannt: Paseo de la Castellana, 162. Hier ist der Amtssitz des spanischen Wirtschaftsministeriums, hier war Rato acht Jahre lang der Boss.

HB Madrid. Damit ist es vorbei: Vor vier Wochen haben seine Konservativen unter dramatischen Umständen die Parlamentswahlen verloren, jetzt ist Machtwechsel, Amtsübergabe. Enttäuscht sieht Rato nicht aus. Warum auch? Für den 55 Jahre alten Politiker ist der Abschied von der Regierungsbank ein Karrieresprung: Rato gilt als Favorit für die Nachfolge von Horst Köhler als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington.

Daheim in Madrid wartet schon sein Nachfolger, Pedro Solbes, als Rato am schmucklosen Ministerium vorfährt. Solbes greift wenig später beherzt mit beiden Händen zu der schwarzen Aktentasche, die ihm Rato reicht und ihm noch wohl bekannt ist: Er selbst hatte sie Rato 1996 in die Hände gedrückt. Schließlich war der EU-Kommissar schon einmal Wirtschafts- und Finanzminister, damals unter Felipe González.

Solbes und Rato grinsen breit. Die beiden kennen sich, die beiden verstehen sich. Eigentlich hält Rato nicht viel von den Sozialisten, weil er glaubt, sie würden „den Markt durcheinander bringen“. Doch bei Solbes liegen die Dinge anders, der Mann hat in Brüssel auf Haushaltsdisziplin gesetzt – wie Rato in Madrid. Und profitiert dieser nicht auch davon, dass der neue Premier, ein Sozialist, die IWF-Kandidatur des Konservativen unterstützt?

Die beiden Kandidaten: Der Spanier Rato und der Franzose Lemierre

Schritt für Schritt hat Rato in den vergangenen Tagen auch international an Terrain gewonnen, gestern gelang ihm der Durchbruch. Frankreich zog die Unterstützung für den deutsch-französichen Favoriten, Jean Lemierre, zurück. Dass es auf Rato zuläuft, hat sich in der vorigen Woche abgezeichnet, als sich Spekulationen verdichten, auch die US-Regierung präferiere Rato. Die Briten schwenken auf diese Linie ein, einige Journalisten erhalten entsprechende Informationen. Damit ist klar, dass Lemierre isoliert ist.

Als der Franzose am Sonntag zur Jahrestagung der Osteuropabank im Londoner Hilton Hotel vorfährt, taxieren Mitarbeiter dessen Chancen nur noch auf 20 Prozent. Der Franzose lächelt tapfer hinter seiner ovalen Brille, doch zum abendlichen Empfang der Osteuropabank im britischen Museum erscheint er gar nicht erst – vielleicht auch, um im Umfeld der dort ausgestellten ägyptischen Mumien nicht die falschen Überschriften zu provozieren. Rato aber zeigt zur gleichen Zeit in Madrid beste Laune. Einen Tag später tritt die französische Regierung den Rückzug an. Jean Lemierre wird die Osteuropabank weitere vier Jahre leiten. Damit ist der Weg für den Spanier frei.

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