Roland Junck führt Arcelor-Mittal
Der Überraschungschef

Roland Junck wird erster Chef des neuen Stahlgiganten Arcelor-Mittal. Er soll Frieden zwischen den gegnerischen Lagern stiften.

DÜSSELDORF. Am Freitagnachmittag schien alles klar, als der Stahlkonzern Mittal in das feine Londoner Lanesborough Hotel gegenüber Hyde Park Corner lud. In der Branche und bei Finanzanalysten galt es als ausgemacht, dass der bisherige Arcelor-Vizechef Michel Wurth, 52, nach dem Rücktritt von Konzernchef Guy Dollé die besten Chancen auf den begehrten Chefposten beim neuen Stahlriesen Arcelor-Mittal hat.

Dann die Überraschung: Nicht Wurth steigt auf – sondern Roland Junck! Damit setzt Hauptaktionär Lakshmi Mittal gleich zu Beginn der Geschichte des neuen Giganten ein Zeichen: Mit der Ernennung des 50-jährigen Luxemburgers zum ersten Vorstandschef wählte er ausgerechnet denjenigen der bisherigen Arcelor-Führungsmannschaft, der zuletzt am wenigsten öffentlich in Erscheinung getreten war.

Denn Selbstdarstellung ist nicht en vogue in der Familie Mittal. Und die hat, obwohl nun ein Arcelor-Mann Konzernchef wird, mit ihren rund 43 Prozent der Aktien faktisch das Sagen. Das dokumentiert sich auch in der neuen Position von Lakshmi Mittal als Vizechef des Verwaltungsrats. Er bekräftigte, „auch in Zukunft sehr stark in das Unternehmen mit einbezogen“ sein zu wollen. Und sein Sohn Aditya Mittal wird als neuer Finanzvorstand die Hand auf der Firmenkasse halten.

Nicht wenige Beobachter sehen in dem erst 30-Jährigen den kommenden Konzernchef. „Wenn er weiter solche Fortschritte macht wie bisher und er den Konzern richtig kennen gelernt hat, wird wohl kein Weg an ihm vorbeiführen“, ist ein deutscher Stahlmanager überzeugt. Doch zunächst soll Roland Junck wichtige Vorarbeiten leisten und die allgemein als schwierig erachtete Integration beide Konzerne meistern. „Zwischen Arcelor und Mittal liegen Welten“, sagt ein Frankfurter Analyst. Junck selbst räumt ein, dass „wir den unterschiedlichen Kulturen und der unterschiedlichen Art, wie wir die Arbeit erledigen, Aufmerksamkeit widmen müssen“.

Der weltgrößte Stahlproduzent Mittal und Arcelor, die Nummer zwei der Branche mit Sitz in Luxemburg, hatten sich Ende Juni nach einem fünfmonatigen, erbittert geführten Übernahmekampf auf eine Fusion unter Gleichen geeinigt. In einem so genannten Memorandum of Understanding einigten sich beide Seiten darauf, den künftigen Vorstand mit vier Vertretern von Arcelor und drei von Mittal zu besetzen. Chef des Gremiums sollte Arcelor-Lenker Guy Dollé werden.

Doch der 64-jährige Franzose, dessen Vertrag im Herbst 2007 ausgelaufen wäre, erklärte wenige Tage später seinen Rücktritt. Offiziell hieß es, dass ihm die noch bleibende Zeit nicht reiche, um die „schwierige Integration“ abzuschließen. Vize-Chef Michel Wurth, seit Anfang 2006 verantwortlich für das wichtige Flachstahlgeschäft von Arcelor und 12 Jahre jünger als Dollé, galt als aussichtsreichster Kandidat für das Spitzenamt bei Arcelor-Mittal.

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